FRAUENNEWS: Nationale News Oktober - Dezember 1997
Dez 97, Bonn: Nolte findet die Abtreibungen in Ehen
und Familien "hochproblematisch"
In einem Interview mit der
"Rheinischen Post" am 29.12.97 äußerte Ministerin
Claudia Nolte, daß die Neuregelung des
Schwangerschafts-Abbruchs(*) in Deutschland zu keinem
erkennbaren Rückgang der Abtreibungen geführt hat.
"Hochproblematisch" findet sie die Tatsache, daß
nach offiziellen Statistiken 52 % der Abtreibungen in Ehen und
Familien stattfinden. Sie schließt deshalb eine erneute
Behandlung des gesamtdeutschen Abtreibungsrechtes vor dem
Verfassungsgericht nicht aus.
(* 1994 wurde ein
gesamtdeutsches Abtreibungsrecht mit Stimmen aus allen Parteien
verabschiedet, das eine Beratungspflicht vor dem Abbruchder
Schwangerschaft vorsieht. Teilen der CDU und dem Bundesland
Bayern ist das zu "liberal".)
FRAUENNEWS-Kommentar: Monatelang
ist nichts bedeutendes aus Frau Noltes Büro zu hören und dann
das! Entweder schlecht beraten oder vom weihnachtlichen
Weihrauch noch etwas umnebelt muß "Frauen-Ministerin"
Nolte bei diesen Äußerungen gewesen sein. Entsprechend
waren die Reaktionen anderer PolitikerInnen: Schewe-Gerigk
(Frauenexpertin der Grüne) behauptete, Nolte habe im Amt
versagt. Statt das Strafrecht zubemühen, solle sie die soziale
Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen und die lautet: mehr als eine
Million Kinder leben in Deutschland von der Sozialhilfe.
Außerdem sei es ein Skandal, wie Ministerin Nolte das
Selbstbestimmungsrecht von Frauen mit Füßen trete.
Guido Westerwelle und
Cornelia Pieper (beide FDP) erklärten, das die FDP "einem
Sonderweg Nolte nach einem Sonderweg Bayern" nicht zustimmen
werde.
FRAUENNEWS wünscht Frau Nolte gute Besserung und schließt sich
der SPD-Abgeordneten Ulla Schmidt an, die so treffend
formulierte: auf den Prüfstand gehört nicht der § 218
sondern die Familienpolitik Noltes!
Dez 97, Bonn: bald Einsendeschluss vom
Ideenwettbewerb von Bundesfamilienministerin Claudia Nolte
Wie können Frauen am
besten Familie und Beruf in Einklang bringen und sich in
"Männerberufen" durchsetzen? Bis 31. Dezember können
Wettbewerbsbeiträge eingesandt werden: Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Rochusstraße 8-10 in 53123
Bonn.
(Kommentar: FRAUENNEWS hätte da eine Idee...aber ob sie Frau
Nolte gefällt?)
Dez 97: Erste Bundestagspräsidentin vor
25 Jahren
Annemarie Renger wurde am
13.12.1972 zur ersten Bundestagspräsidentin gewählt.
Dez 97: Sonderregelungen für das
Erbrecht nichtehelicher Kinder aufgehoben
Mit der Verabschiedung des
Erbrechtsgleichstellungsgesetzes werden zukünftig nichteheliche
Kinder beim Tode des Vaters wie eheliche Kinder erben.
Dez 97: Bäuerinnen: beleibt, mit
Kopftuch, Kittelschürze und Gummistiefeln?
Eine Arbeitsgruppe des
Deutschen Landfrauenverbandes untersuchte 50 Kinderbücher
aus 17 deutschen Verlagen, die sich mit dem Thema heutiger
Landwirtschaft befaßten. Die niedersächsischen Landfrauen
kritisierten, das in den Kinderbüchern das Leben auf dem
Bauernhof viel zu veraltet, unsachlich und romantisch verklärt
dargestellt wird: Die Kinderbücher zeigten veralterte
Produktionsweisen, im Text werden Fachausdrücke falsch
verwendet, Illustrationen künden von mangelnder Sachkenntnis.
Über das vermittelte Bild der Bäuerin war die Arbeitsgruppe
erschrocken: Wird überhaupt eine Bäuerin dargestellt, dann als
"stämmiges Muttchen mit Kopftuch, Kittelschürze und
Gummistiefeln".
Positiv beurteilt wurden Übersetzungen aus dem Französischen,
Englischen und Dänischen.
Nov 97: Größtes deutsches
Rüstungsprojekt der Nachkriegszeit vom Bundestag gebilligt
In Zeiten leerer Kassen wurde mit der Zustimmung zum Wehretat von
46,7 Milliarden Mark durch die Regierungskoalition auch über die
Anschaffung von 180 neuen Jagdflugzeugen, den umstrittenen
Eurofightern, entschieden. Die Grünen argumentierten dagegen,
daß sich in einer Umfrage 80 Prozent der BürgerInnen gegen eine
Beschaffung ausgesprochen hätten. Ein Eurofighter kostet rund
125,4 Millionen DM (ohne Bewaffnung). Dies ist das größte
Rüstungsprojekt Deutschlands seit dem letzten Weltkrieg.
Verteidigungsminister Volker Rühe erklärte, das
Jagdflugzeug ist "genau auf die Bedingungen zugeschnitten,
für die es gebraucht wird".
(FRAUENNEWS-Kommentar: Frauen an die Macht!)
Nov 97: Strafgesetze hinsichtlich
sexueller Gewalt verschärft
Durch die
Gesetzesneuregelung wird der schwere sexuelle Mißbrauch an
Kindern ("Beischlaf" oder Tatbegehen von mehreren
Menschen) vom Vergehen zum Verbrechen aufgestuft. Damit erhöht
sich der Strafrahmen von 1-15 Jahre (vorher sechs Monate bis
zehn Jahre). Für "weniger schwerwiegende Fälle"
des Sexualmißbrauchs von Kindern bleibt es bei der Einstufung
als Vergehen (sechs Monate bis zehn Jahre). Die Mindeststrafen
für sexuelle Nötigung und Vergewaltigung wurden erhöht.
Die Sicherheitsverwahrung für Sexualstraftäter ist künftig
nach dem ersten Rückfall möglich. Strafen für gefährliche
Körperverletzung werden von Privatdelikten zu Offizialdelikten
aufgewertet, d.h. die Staatsanwaltschaft ist zum Handeln
verpflichtet.
Gleichzeitig gibt das BKA folgende Statistikzahlen
bekannt: Die Zahl der bekanntgewordenen Sexualverbrechen ist 1996
im Vgl. zum Vorjahr leicht gestiegen. Insgesamt wurden 49.080
Sexualstraftaten registriert.
Nov 97: Angela Marquard`s Anklageschrift
im Internet kostet sie DM 1.000
Die PDS-Politikerin wurde
zu dieser Geldstrafe verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen
an, das sie "Kenntnis von der rechtswidrigen Einspeisung
einer Anklageschrift ins Internet hatte".
Nov 97: Alice Schwarzer zur "Frau
des Jahres 1997" gekürt
Diesen Titel erhielt Alice Schwarzer als Anerkennung für ihre
feministisch-autonome Zeitschrift "EMMA" und ihr
Gesamtschaffen vom Staatsbürgerinnenverband.
Nov 97: Gräfin Maltzan 88jährig
verstorben
Maria Gräfin von Maltzan
hat in der NS-zeit zahlreichen jüdischen Menschen geholfen. Ihre
Memoiren erschienen unter dem Titel: "Schlage die Trommel
und fürchte dich nicht".
Nov 97: NRW-Frauenförderungsgesetz vom
Europäischen Gerichtshof gebilligt
Am 11.11.97 wurde vom
Europäischen Gerichtshof in Luxemburg das
Frauenförderungsgesetz von Nordrhein-Westfalen gebilligt. Zwei
Jahre zuvor wurde über die Frauenquote in Bremen noch ablehnend
entschieden. In dem neuen Urteil heißt es: das Gesetz kann
"zur Verringerung bestehender faktischer Ungleichheiten
beitragen". Es ist dann mit dem europäischen Recht
vereinbar, "wenn ein absoluter Automatismus zum Nachteil der
Männer vermieden" wird. Nach der sogenannten
"leistungsabhängigen Frauenquote" werden Frauen so
lange bevorzugt eingestellt und befördert, wie sie auf der
entsprechenden Hierarchieebene nicht die Hälfte aller Posten
besetzen. In dem damaligen Urteil zu Bremen hatten die
Europa-Richter bemängelt, daß die Bremer Regelung nicht die
absolute und unbedingte Bevorzugung der Frauen ausschließe. Die
Europarichter verwiesen auf "Vorurteile und stereotype
Vorstellungen über die Rolle und die Fähigkeiten der Frau im
Erwerbsleben". Frauen werden wegen Befürchtungen
diskriminiert, daß sie ihre Laufbahn häufiger unterbrechen und
daß sie ihre Arbeitszeit aufgrund häuslicher und familiärer
Aufgaben weniger flexibel gestalteten. Dies führt zu der
Tendenz, gleich (oder weniger) qualifizierte Männer zu
bevorzugen. Ein Entscheidungskriterium "Frau" könne
hier ein "Gegengewicht" schaffen und sei daher von der
europäischen Gleichstellungsrichtlinie gedeckt. Diese
Entscheidung ist ein wichtiger Meilenstein in der Gleichstellung
der Geschlechter: die Quote ist ein wesentliches Element der
beruflichen Frauenförderung. Die Luxemburger Entscheidung
stärkt den Frauen im Kampf für ihre Rechte den Rücken.
Die NRW- Gleichstellungsministerin Ilse Ridder-Melchers (SPD)
sprach in Düsseldorf von einem "historischen Tag für die
Frauen in Europa". Die Vorsitzende des
Bundestags-Frauenausschusses, Edith Niehuis (SPD), forderte
Konsequenzen daraus auch für die nationale Gesetzgebung,
insbesondere ein Gleichstellungsgesetz für die private
Wirtschaft.
Nov 97: BRD muß erstmals einer
Zwangsarbeiterin eine Entschädigung zahlen
Das Bonner Landgericht sprach am 05.11.97 einer der 22
KlägerInnen eine einmalige Entschädigung von DM 15.000 für
entgangenen Lohn als Zwangsarbeiterin in der NS-Zeit zu. Die
anderen 21 Klagen wurden abgewiesen. Geld ist an frühere
ZwangsarbeiterInnen nur spärlich geflossen: einzig 1947
erhielten Ex- ZwangsarbeiterInnen nach dem IG-Farben-Prozeß
Entschädigungen in Höhe von DM 5.000-10.000. Andere
Großunternehmen wie Siemens, Krupp, Flick und AEG leisteten
über die Jewish Claims Conference Zahlungen, die allerdings nur
um die DM 3.000 pro Person lagen. Heute sind Forderungen an die
Firmen verjährt. In der Nazi-Zeit schufteten 1,9 Millionen
Kriegsgefangene und rund 5,7 Millionen zivile FremdarbeiterInnen-
zumeist junge Frauen aus Osteuropa für die Kriegsmaschinerie.
Die Bundesregierung zahlte rund 100 Milliarden Mark zur
Entschädigung und Wiedergutmachung an NS-Opfer- allerdings nur
an Deutsche bzw. Menschen, die eine "räumliche
Beziehung" zu Deutschland nachweisen konnten. Millionen
Menschen, besonders aus Osteuropa, blieben so außen vor. Für
die osteuropäischen Opfer gab es nach der Wiedervereinigung zwei
größere Entschädigungsfonds (zusammen 1,4
Milliarden Mark). Da aber die Masse der AntragsstellerInnen
groß war, kamen nur symbolische Zahlungen zustande.
Nov 97: Klage von 20 jüdischen Frauen
wegen Zwangsarbeit
Am 05. November wird von
dem Landgericht in Bonn vermutlich darüber entschieden, ob den
in der Zeit des Nationalfaschismus nach Deutschland zur
Zwangsarbeit verschleppten Menschen eine Entschädigung zusteht.
Zwanzig jüdische Frauen klagen seit fünf Jahren eine
entsprechende Entschädigung ein. Sie haben an sechs Tagen in der
Woche jeweils zwölf Stunden in einer Munitionsfabrik ohne
Bezahlung und unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten
müssen. Eine Frau und ein Mann sind seit Prozeßbeginn als
KlägerInnen bereits verstorben.
FRAUENNEWS-Kommentar:
Die Zeit läuft für die BRD und die deutschen Großkonzerne
wie Siemens, die durch die Zwangsarbeit verdienten. Zu viele
ehemalige ZwangsarbeiterInnen sind bereits verstorben bzw. über
siebzig Jahre alt. Beim kürzlichen 150. Firmenjubiläum von
Siemens danach befragt, wurden direkte finanzielle
Entschädigungen von der Firmenleitung abgelehnt, "man
könne sich jedoch Gelder für eine entsprechende Stiftung
vorstellen." Nun denn, die Parlamentsfraktion von
Bündnis90/Die Grünen will am 07.11.97 ihren Antrag für eine
Stiftung "Entschädigung für Zwangsarbeit"
stellen. Sollte in nicht allzu langer Zeit eine solche
Stiftung entstehen, haben die noch lebenden ehemaligen
ZwangsarbeiterInnen einen Hauch von Chance auf eine
finanzielle Anerkennung ihrer Leidenszeit. Siemens wird jedoch
den schwarzen Fleck auf der Siemens-Weste auch mit eventuellen
späten Zahlungen nicht verlieren: zu lange Zeit rumorte
entsprechende Kritik gegenüber dem Konzern bzw. gab es
Boykottaufrufe auf Siemensprodukte in der alternativen, linken
und feministischen Szene.
Okt 97: Neu in Kieler Landesregierung:
Referat für Lesben und Schwule
In acht Bundesländern gibt es bereits Referate für die
"Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen".
Nun stehen eine Politikwissenschaftlerin und ein
Sozialwissenschaftler den rund 220.000 Menschen in
Schleswig-Holstein, die schwul, lesbisch oder bisexuell sind bzw.
homosexuelle Erfahrungen gemacht haben, beratend zur Verfügung.
Aufgabe der beiden ist es zu informieren, aufzuklären,
Diskriminierungen zu bekämpfen und politische Initiativen
vorzubereiten.
Okt 97: Erster ökumenischer
Frauenkongreß
Vom 17.-19. Oktober fand in Ludwigsburg der erste deutsche
ökumenische Frauenkongreß statt. Über 1.200 Frauen
verabschiedeten gemeinsame Vorstellungen, die die
Kirchenleitungen zu einem "Personalmanagment der
Chancengleichheit" motivieren sollen. Maria Jepsen, einzige
Bischöfin Deutschlands und eine der Referentinnen, äußerte:
"Es darf in den Kirchen nicht nur ein bis zwei
Alibifrauen geben, wir brauchen eine Quote von mindestens 40
Prozent".
Okt 97: Anzahl der Frauen im Internet
gestiegen
Der "Leseranalyse Computerpresse" zufolge gibt es
derzeit 250.000 besonders computerinteressierte
Internet-Nutzerinnen. Diese Anzahl soll sich in den nächsten
zwölf Monaten fast verdreifachen. Zehn Millionen Menschen in
Deutschland ab 14 Jahren werden zur besonders
computerinteressierten Bevölkerung gezählt. Davon sind erst
1,438 Millionen im Internet- zu 82,6 Prozent Männer und zu
17,4 Prozent Frauen. Die Untersuchung wurde von
über zehn Fachverlagen in Auftrag gegeben.
© 1997-1998 Jana Arakeljan |