Medica mondiale e.V. startet
Soforthilfeprogramm "Medica Kosova"







Köln/ Bonn, 13. April 1999

Hilfe für Frauen aus dem Kosovo - "Medica Kosova" startet

"Medica mondiale e.V." startet ein Soforthilfeprogramm für Flüchtlingsfrauen aus dem Kosovo in den albanischen Flüchtlingscamps. Dies erklärt die Gynäkologin und Gründerin von "Medica mondiale" , Monika Hauser.

Die Hilfsorganisation für kriegstraumatisierte Frauen will in Kooperation mit albanischen Frauenorganisationen eine mobile Ambulanz einsetzen, die zwischen den Flüchtlingslagern pendelt und gynäkologische sowie allgemeinmedizinische Erstversorgung leistet.

Außerdem will Medica mondiale in den verschiedenen Flüchtlingscamps Frauenzelte einrichten, in denen traumatisierte Frauen durch kosovorische und albanische Expertinnen (Ärztinnen, Psychologinnen, Krankenschwestern und freiwillige Helferinnen) psychosozial betreut werden.

Und schließlich will Medica mondiale Sorge dafür tragen, daß die Kriegsverbrechen gegen Frauen sofort dokumentiert werden, um die Täter später gerichtlich verfolgen zu können.

Medica mondiale e. V. sieht sich in dieser Situation als Anwältin und Expertin der Unterstützung kriegstraumatisierter Frauen gefragt. Die Organisation ist während des Krieges in Bosnien- Herzegowina gegründet worden, 1993 gründete Medica mondiale in Zentralbosnien das Frauen- Therapiezentrum "Medica Zenica".

Monika Hauser betont, das Hilfskonzept beruht auf dem Prinzip einer möglichst umfassenden Unterstützung. So wird Medica mondiale nach der primären Hilfe, also Nahrung und Unterbringung, im zweiten Schritt psychosoziale Hilfe für die schwertraumatisierten Frauen und Kinder leisten.
Die gynäkologische Hilfe stelle einen wichtigen Baustein dar, da dieser medizinische Zweig seltenst von anderen Hilfsorganisationen berücksichtigt werde.

Von äußerster Wichtigkeit sei auch, daß es kosovarische und albanische Fachfrauen seien, die vor Ort Hilfe leisteten: "Sie kennen die Sprache und Kultur, wissen genau um die Lebensbedingungen der Frauen. Nur mit Geduld wird es gelingen, Vertrauensbeziehungen aufzubauen, die eine Unterstützung der traumatisierten Frauen ermöglicht."



Monika Hauser und Kirsten Wienberg von Medica mondiale e. V. sind erst kürzlich aus Albanien zurückgekehrt, wo sie sich selbst einen Eindruck von der Situation in den Flüchtlingslagern verschafft haben. Hier ihr Bericht:



Zur allgemeinen Situation der Flüchtlinge in Albanien:

Schon bevor der Kosovo- Konflikt eskalierte, herrschte in Albanien Chaos. Als eines der ärmsten Länder Europas kann es seine eigenen Kinder kaum ernähren. Es gibt keine funktionierenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen, Korruption ist weit verbreitet. Unter diesen Umständen ist die grosse Hilfsbereitschaft unter der albanischen Bevölkerung besonders bewundernswert.

Obwohl derzeit alles nur mögliche getan wird, um konkrete Hilfe zu leisten, muß man klar sagen, daß weder EU noch UNHCR auf einen so schnellen und massenhaften Exodus vorbereitet waren. Die Welt hatte Osterferien!

Die Flüchtlinge sind durch die an ihnen verübte extreme Gewalt und Brutalität, den Verlust von allem, was sie hatten schwer traumatisiert. Uns wurde von Kindern berichtet, die Erschießungen mitansehen mußten; Frauen, die hilflos zusehen mußten, wie ihre Männer abgeführt wurden. Ihre Häuser wurden angezündet, es folgte tagelange Flucht unter Lebensangst, sie waren ständigem physischem und psychischem Terror durch serbische Soldaten ausgesetzt.

  Zur Situation der Frauen:

Es sind in erster Linie die Frauen, die das Leben in den Flüchtlingscamps organisieren: Sie kochen, waschen, putzen, sie trösten, pflegen die Alten, sorgen für die Kinder, versuchen so gut es geht, die ihnen verbliebenen Familienstrukturen aufrechtzuerhalten.

Viele von ihnen haben sexualisierte Gewalt erlebt.

Was die Anzahl der Vergewaltigungen und anderer Formen sexualisierter Folter an Frauen angeht, so kann im Sinne von zahlenmäßig seriösen Erhebungen von massenhaft und systematisch (noch) nicht geredet werden, da dazu alles noch viel zu chaotisch und unübersichtlich ist.
Aber: Innerhalb von knapp zwei Wochen hat Milosevic mehr als eine halbe Millionen Menschen aus ihrem Land, ihren Dörfern und ihren Häusern geworfen. Es gibt Regionen, in denen ganze Dörfer ausgelöscht wurden. Dazu bedienten sich seine Soldaten und Freischärler jeglicher nur denkbarer Form der Brutalität. Aufgrund unserer Erfahrungen in Bosnien- Herzegowina können wir sagen, daß bei den von vielen Menschen übereinstimmend geschilderten Horrorszenarien der letzten 14 Tage sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein fester Bestandteil der Gewalttaten ist. Wir müssen also von zahlreichen Vergewaltigungen ausgehen. Mündliche Berichte darüber häufen sich und auch die US- Regierung sowie die UN haben diese Erkenntnis gewonnen.
Da die Frauen wegen schwerer Traumata noch unter Schock stehen und sie oftmals von ihren Männern und Familien abgeschirmt sind, ist es für sie im Moment extrem schwierig, überhaupt über das Erlebte zu sprechen. Dazu kommt das aktuelle Flüchtlingschaos.

  Erfahrungen/ Erlebnisberichte:

Während unseres einwöchigen Besuches in Albanien haben wir schwer traumatisierte Frauen gesehen, die mit einem kaum faßbaren Maß an Überlebenswillen und Kraft versuchen, ihr Leben und das ihrer Kinder zusammenzuhalten.
Eine junge Frau aus Durres, Mutter von sieben Kindern, schilderte uns ihre Geschichte: Sie berichtete, daß nach fünfstündigem Beschuß ihres Dorfes durch serbische Soldaten die Männer von diesen umgebracht worden seien. Die restlichen Dorfbewohner/innen seien danach in eine zum Gefängnis umfunktionierte Lagerhalle abgeführt worden. Dort mußten sie mehrere Tage bleiben. 20 junge Mädchen aus der Gruppe wurden von serbischen Soldaten rausgeholt. Nach zwei Tagen und zwei Nächten seien sie halbtot zurückgekehrt. Sie selbst sei nach drei Tagen freigelassen worden und mußte mit ihren sieben Kindern alleine zur Grenze gehen. Als sie ging, habe sie ihren Mann am Fenster des ersten Stockwerkes stehen sehen. Sie wisse nicht, ob er noch lebe.

Während die Frau uns von all dem berichtete, weinte sie ununterbrochen. Sie ist schwer traumatisiert - genau wie ihre Kinder, die während des Gespräches neben ihr kauerten. Ihr Augen waren wie versteinert.



medica mondiale e.V.
Hülchrather Straße 4
D- 50670 Köln
Fon: 49(0) 221-9318980
Fax: 49(0) 221-9318981
info@medicamondiale.org

Grundsätze, nach denen der Verein arbeitet

Spendenkonto für das Projekt "Medica Kosova"
Kto-Nr. 45 00 55 50
Sparkasse Bonn (BLZ 380 500 00)
Stichwort: KOSOVO




"Am Anfang war die Wut. Monika Hauser und Medica mondiale. Ein Frauenprojekt im Krieg" von Erica Fischer (Verlag Kiepenheuer & Witsch)
"Krieg, Geschlecht und Traumatisierung. Erfahrungen und Reflexionen in der Arbeit mit traumatisierten Frauen in Kriegs- und Krisengebieten" Dokumentation von Medica mondiale e.V. (IKO-Verlag, Edition Hipparchia; ISBN 3-88939-615-1; ca. DM 39,-)
 
Der Krieg im Kosovo aus Frauensicht (frauennews)
Serbien: Situation und Widerstand von Frauen (frauennews)
Situation der Frauen im Kosovo: Hier hat der Krieg im ehemaligen Jugoslawien angefangen- hier wird er enden
(Text von Medica mondiale e.V.; Anm: vor dem Nato-Angriff verfaßt)
Gewalt gegen Frauen als Mittel der Kriegsführung (frauennews)













© All rights reserved 1997-2000 Jana Arakeljan, Germany
© Logo and Buttons 1999-2000 Indina Beuche, Germany