Genitalverstümmelung an Mädchen und Frauen




"Sie versprachen mir ein herrliches Fest,
über den ungeheuren Schmerz hat mir niemand etwas gesagt"
Binta Sidibe

Weltweit gibt es ca. 150 Millionen genitalverstümmelte Mädchen und Frauen. Jedes Jahr kommen schätzungsweise zwei Millionen Mädchen im Alter zwischen vier und zwölf Jahren hinzu.
In Äthiopien, Eritrea und Gambia sind 90 %  der Mädchen und Frauen verstümmelt.
Es gibt verschiedene Formen der Verstümmelung, beginnnend mit der Abtrennung der Vorhaut der Klitoris bis hin zur Entfernung der Klitoris und der kleinen und äußeren Schamlippen. Die Reste der Haut werden oft so vernäht, daß die Klitoris davon bedeckt und die Vaginalöffnung total verkleinert ist. Meistens wird es an den Mädchen im Alter zwischen 4 und 8 Jahren vorgenommen, ohne Betäubungsmittel.

Die Konsequenzen für die Gesundheit können, abhängig vom Grad der Verstümmelung, enorme Ausmaße annehmen und somit das körperliche und seelische Wohlbefinden der Frauen erheblich beeinträchtigen, was zu einer generellen Verminderung der Lebensqualität führt. Oft werden schwere Blutungen, Infektionen (u.a. Tetanus) und Schock ausgelöst. In einigen Fällen sterben die Frauen. Die Sterberate liegt bei der schwersten Form der Verstümmelung bei 30 %. Langfristige Schäden sind Infektionen, wiederkehrende Blutungen, psychische Schäden wie Depressionen oder Psychosen.
Verstümmelungen haben Konsequenzen für die Sexualität, wie schmerzhaften Geschlechtsverkehr, Orgasmusunfähigkeit und Frigidität. Geburten verlaufen häufig mit lebensgefährlichen Komplikationen für Mutter und Kind. Die enorm hohe Müttersterblichkeit in Afrika ist auf Verstümmelung zurückzuführen. Trotzdem bestehen nach der Entbindung die meisten Frauen darauf, wieder vernäht zu werden, so groß ist der Druck der Ehemänner.
 

"Eine Gesellschaft, die diese Praxis verharmlost oder stillschweigend duldet, macht sich mitschuldig am Tod und Leid unzähliger Mädchen und Frauen." TERRE DES FEMMES

 


TERRE DES FEMMES fordert die westlichen Staaten auf
- Frauen, denen in ihrer Heimat die Verstümmelung droht, Asyl zu gewähren
- Entwicklungsgelder für Aufklärungsprojekte bereitzustellen
- Regierungshilfen für die Länder einzuschränken, die nichts gegen Genitalverstümmelung unternehmen bzw. diese auch noch unterstützen

Infos können angefordert werden:
TERRE DES FEMMES e.V.
Konrad- Adenauer- Straße 40
72072 Tübingen,
Tel  07071/ 79 73-0
Fax 07071/ 79 73-22





Was unternehmen Organisationen und westliche Länder ?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich erst sehr spät mit Genitalverstümmelung befaßt, verurteilt heute aber vehement diese Praktik sowie die zunehmende Medikalisierung und Versuche der Legalisierung.
1980 begann UNICEF mit Aktionen zum Thema. Beide Organisationen sprechen sich für die Unterstützung nationaler Initiativen aus. Bereits mit Beginn der 80er Jahre wird die Genitalverstümmelung von TERRE DES FEMMES als schwere Menschenrechtsverletzung und Gewalt gegen Frauen und Mädchen verurteilt. Bis 1984 stieg die Anzahl der Aktivitäten. Unter der Kritik einiger Afrikannerinnen und deutscher Frauen, die dies als Eingriff in die Kulturen sahen, verringerte sich jedoch zunächst das Engagement. Mittlerweile ist es so, daß Afrikannerinnen die Solidarität und Handlungsbereitschaft begrüßen und eine Zusammenarbeit ausdrücklich wünschen.

Die Vereinten Nationen verurteilten das erste Mal 1993 die Genitalverstümmelung in einem internationalen Dokument als Gewalt gegen Frauen. Die Protestbewegung gegen diese lebenslange Folter hat in letzter Zeit vor allem aus den USA Aufwind bekommen. Im März 97 tritt dort ein Gesetz in Kraft, das es Ländern, in denen die Beschneidung von Frauen praktiziert wird, erschweren wird, Geld von der Weltbank oder vom Internationalen Währungsfond zu bekommen. Das Gesetz verpflichtet die einflußreichen US-Vertreter in diesen Gremien, sich gegen Kredite für solche Länder stark zu machen. Ausgelöst hatte die entsprechende Gesetzesinitiative des Kongresses der Fall einer Frau aus Togo. Sie war in die USA geflohen, um sich der Beschneidung zu entziehen. Nach über einem Jahr Haft und mehreren Prozessen erkannte vergangenes Jahr ein Berufungsgericht den Fluchtgrund an und gewährte ihr Asyl. In den USA wird damit die drohende Beschneidung einer Frau schon als Asylgrund anerkannt. In Norwegen wird auch die Beschneidung im Ausland unter Strafe gestellt.   
Die Gesetzeslage in Deutschland zum Thema ist bisher mangelhaft. Die Schaffung und Umsetzung eines Gesetzes nach dem Vorbild anderer europäischer Länder, den USA und Australiens muß durchgesetzt werden!



UNICEF
Unicef versucht Aufklärung bei den EntscheidungsträgerInnen der betroffenen Länder und Völker zu leisten. Unicef arbeitet mit dem "Interafrikanischen Komitee gegen traditionelle Praktiken" zusammen. Das Komitee wurde 1984 gegründet und hat Vertretungen in 26 Ländern. Weiter wird versucht, die Bevölkerung vor Ort mit einzubeziehen. Wie dpa erst vor kurzem berichtete, kamen nach einer rituellen Massenbeschneidung im westafrikanischen Sierra Leone Dutzende Patientinnen mit blutenden, oft stark entzündeten Wunden in die Krankenstation von Grafton nahe der Hauptstadt Freetown. Wären dort nicht belgische MedizinerInnen tätig, hätte die Außenwelt nicht erfahren, daß an einem einzigen Tag Mitte Januar 1997 bei einer Zeremonie 600 jungen Frauen mit unsauberen Messern, Scheren und Glasscherben die Genitalien abgeschnitten wurden.
(Quelle: Unicef, März 1997)



Genitalverstümmelungen auch in Deutschland
Gerechnet wird damit, daß auch in Deutschland jährlich 10.000 bis 20.000 Mädchen/ junge Frauen beschnitten werden, ähnlich viele wie in Großbritannien oder Frankreich. Zum Beschneidungsritus werden die Kinder vermutlich von den Eltern in ihr Heimatland gebracht. In Deutschland vorgenommene Eingriffe treten nur vereinzelt ans Tageslicht. Auch Komplikationen werden aus Scham oft verschwiegen und die Mädchen berichten nicht darüber, was ihnen angetan wurde. Die Eltern handeln oft unter dem Druck von Verwandten. Sie fürchten, ihren Ruf zu verlieren, oder daß die unbeschnittene Tochter keinen Mann finden wird.
Wer den Verdacht hegt, daß ein Mädchen unter Komplikationen einer Beschneidung leidet, kann sich an Pro Familia,
TERRE DES FEMMES oder an (I)NTACT (Aktion zur Bekämpfung der Beschneidung von Mädchen und Frauen, Johannisstr. 4, 66111 Saarbrücken, Tel/Fax 0681- 32400) wenden.
GynäkologInnen wird empfohlen, daß Genital betroffener Frauen nach der Geburt nicht wieder vollständig zu vernähen. Der Frau und ihrem Ehemann sollte behutsam zugeredet werden, daß sie einer wiederherstellenden Korrektur zustimmen.


Juli 1997: Bundesregierung: Beschneidung von Mädchen schwerwiegende Menschenrechtsverletzung

Die Genitalbeschneidung kann nicht mit kulturellen oder religiösen Traditionen gerechtfertigt werden. Die Bundesregierung betont, daß in Deutschland vorgenommene Beschneidungen als gefährliche, schwere oder besonders schwere Körperverletzung mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden. Das im Grundgesetz geschützte Grundrecht der Glaubensfreiheit tritt in diesen Fällen vor dem gleichfalls garantierten Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit zurück. Gleichfalls gibt Frauenministerin Claudia Nolte zu, über die Zahl der Opfer in Deutschland keine Kenntnisse zu haben. (Antwort auf eine Große Anfrage der SPD, Juli 1997)   



(Angebliche) Gründe für Genitalverstümmelungen
Die Verstümmelung von Mädchen wird von keiner Weltreligion vorgeschrieben. In einigen Ländern wie Ägypten ist sie sogar verboten, wird aber dennoch praktiziert. Die Gründe für diese Praxis beruhen auf vorchristlichen und vorislamischen Traditionen. In einigen Ländern gilt die "Beschneidung" als Teil eines Initiationsritus, mit dem die Mädchen in die "Welt der Frauen" eingeführt werden.
Tief verwurzelt ist der Irrglaube, daß beschnittene Mädchen gesünder heranwüchsen, weil sie weniger Probleme mit der Körperhygiene hätten und dadurch mehr Kinder zur Welt brächten. Weiter ist die Überzeugung verbreitet, daß die Beschneidung den Sexualtrieb dämmt. Die Jungfräulichkeit bleibt somit angeblich für den künftigen Ehemann gesichert.
Oder der Klitoris wird Aggressivität zugeschrieben. Sie sei in der Lage, Männer impotent zu machen bzw. bei der Geburt das Baby zu töten. Oder aber das Genital sei schmutzig und häßlich und die Frau soll so "gereinigt" werden.
Verbreitet ist die Genitalverstümmelung vor allem in ostafrikanischen Ländern, in Somalia, aber auch in Ägypten und einigen zentral- und westafrikanischen Ländern. In Nord-Sudan sind etwa 98 % aller Frauen beschnitten.

Im Koran sagt der Prophet Mohammed (um den Männern und Frauen die Lust zu lassen) zu einer Beschneiderin "schneide wenig ab". In den vier großen islamischen Rechtsschulen wird aber ganz unterschiedlich mit dem Thema umgegangen. In vielen Rechtsgutachten (Fatwas) würden erst späteren Deutungen zufolge hygienische Gründe genannt.
Nach einer Äußerung des neuen Scheichs der richtungsweisenden islamischen Al-Azhar-Universität in Kairo ist die Beschneidung der Klitoris aus religiöser Sicht verboten.
In der Türkei, in Pakistan und dem Iran sind Beschneidungen nicht üblich.
Beschneidung ist keinesfalls nur bei Muslimen üblich. Koptische Christen beschneiden die Babys oft gleich bei der Tauffeier. Oft bedient sich die Tradition der Religion, um ihr Handeln zu legitimieren.



Januar 1998: Genitalverstümmelung in Ägypten endlich wieder offiziell verboten!
Obwohl zahlreiche islamische Gelehrte die Verstümmelung der Geschlechtsteile als unislamisch bewerten, versuchen islamistische Gruppen immer wieder die Beschneidung gerichtlich durchzusetzen. Bei den Beschneidungen gibt es immer wieder Todesfälle. Die Verstümmelung soll die sexuelle Lust von Frauen mindern und deren eheliche Treue stärken. 
Am 18. Juli 1996 wurde in Ägypten ein Gesetz erlassen, daß die Genitalverstümmelung an Mädchen unter Strafandrohung verbietet. Trotz dieses Gesetzes werden den ägyptischen Mädchen die Klitoris ganz oder teilweise amputiert, zumeist durch Friseure oder Hebammen mittels Rasierklingen. In Ägypten sind nach Umfragen 97 Prozent der Frauen durch Beschneidung im Kindesalter genital verstümmelt.
Am 24. Juni 1997 erklärte der Oberste Gerichtshof in Kairo in erster Instanz dieses Verbot wieder für nichtig. Worauf sich der ägyptische Gesundheitsminister Ismail Salam für die Frauen stark machte und Berufung ankündigte. Salam bezeichnete die behauptete Verbindung von Frauenbeschneidung mit dem Islam als "Beleidigung der Religion". Leider gab es aus den europäischen politischen Kreisen kaum Reaktionen für diesen schweren Rückschlag. Aber Frauen weltweit, die die Genitalverstümmelung als grausame Menschenrechtsverletzung anprangern, nahmen Notiz von dem Sieg der islamischen Fundamentalisten. TERRE DES FEMMES rief zu Protestschreiben an deutsche und ägyptische PolitikerInnen auf.
Nun die gute Nachricht: Das oberste Verwaltungsgericht Ägyptens hat am Sonntag, den 28.12.97 das von der Regierung erlassene Verbot von Beschneidungen von Frauen wieder eingesetzt. Die Entscheidung des Gerichts ist nicht mehr anfechtbar.




Das Buch "Das grausame Ritual" von Hanny Lightfoot- Klein wurde 1991 in den USA als bestes wissenschaftliches Sachbuch ausgezeichnet:
"... In einem Alter, in dem andere Frauen sich mit der Großmutterrolle begnügen, packt die Autorin ihren Rucksack und reist allein durch Europa und bis in den Sudan. Hier erfährt sie vom grausamen Ritual der sexuellen Verstümmelung kleiner Mädchen. Dieses Thema nimmt sie gefangen, treibt sie zu umfangreichen Studien an. Sie schreibt Berichte, tritt auf Fachtagungen auf, verfaßt o.g. Sachbuch und gilt heute als die Expertin auf diesem Gebiet...."
Ihre eigene, symphatische Lebensgeschichte erzählt sie spannend in dem Buch "Odyssee einer Frau in Afrika". 
"Wüstenblume" Autobiographie von Waris Dirie, 1998 (Verlag Schneekluth DM 39,80)
"...Stammeskriege sind ebenso wie die Beschneidungsprozedur ein Ausdruck für die Selbstsucht, den Eigendünkel und die Agressivität der Männer."
Waris Dirie bekannte sich als weltberühmtes Top-Model dazu, als junges Mädchen an den Genitalien verstümmelt worden zu sein. Ihr wurden Klitoris, die kleinen Schamlippen und ein Teil der großen Schamlippen mit primitivsten Instrumenten amputiert. Heute ist Waris Dirie auch Sonderbotschafterin der UNO im Kampf gegen Genitalverstümmelung von Frauen.
"Löwinnen sind sie" von Charlotte Beck-Karrer,
Gespräche mit somalischen Frauen und Männern über Frauengenitalverstümmelung (eFeF-Verlag, ISBN 3-905561)
 
TERRE DES FEMMES Frauenrechtsorganisation
Klitorisbeschneidung im Tschad (amnesty international)
Beschneidung von Frauen und Mädchen (von Volker Schmidt)
Beschneidung der Frau im sozio-kulturellen Kontext (von Daniela Kempkes)
Lobby für Menschenrechte e.V. Menschenrechtsorganisation, die sich auf die Problematik der sexualisierten Gewalt spezialisiert hat












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