Wer Nazi - Verbrecher schützt -
Fallbeispiel eines Massenmörders: Alois Brunner







"Die Akte B."
Alois Brunner. Die Geschichte eines Massenmörders
Dokumentarfilm von Dr. Georg M. Hafner und Esther Schapira,
Hessischer Rundfunk 1998
   
Die inhaltliche Zusammenstellung dieser Seite beruht auf nebenstehenden Film.
Wenn frauennews einen Preis zu vergeben hätte für den gelungensten TV-Beitrag 1998, so würde ihn diese aufwendig recherchierte Dokumentation erhalten.



"Jagd auf Juden war sein einziges Programm."
(Zitat von Bumi Lazar 1998 über Alois Brunner)

Bis 1945

 

Ab 1945

 

Zitate

Alois Brunner wurde am 08.04.1912 als Sohn eines Bauern in Rohrbrunn im Burgenland geboren.

Von 1918 bis 1927 besucht er die Volks- und die Bürgerschule. Danach absolviert er eine kaufmännische Lehre und arbeitet bis 1932 als Verkäufer und Dekorateur.

Am 29. Mai 1931 tritt er der NSDAP- Ortsgruppe Fürstenfeld bei, am 06.12.1931 tritt er in die SA ein.
Seine Stellung im Kaufhaus muß er wegen seiner aktiven Zugehörigkeit bei der SA aufgeben.

1938 kommt Alois Brunner nach Wien und lernt dort Adolf Eichmann kennen. In Wien gibt es zu der Zeit eine große jüdische Gemeinde.

Am 16.10.1939 erhält
Eichmann als Leiter der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" sämtliche Vollmachten für die "Umsiedlung der Juden".

Am 20.10.39 geht der erste Transport mit 912 männlichen Juden Richtung Osten. "Die Einevakuierung erfolgte reibungslos" berichtet Brunner.
Alois Brunner gilt als "treuer Befehlsempfänger", der lieber mehr Leistung erbringt als gefordert.

1940 verlieben sich Brunner und Anni Röder ineinander. Anni Röder arbeitet als Sekretärin in der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung".
Brunner wird SS-Obersturmführer.

Ab 01.01.1941 ist Brunner Nachfolger von Eichmann. Unter seiner Anleitung und Organisation werden die Deportationen der Jüdinnen und Juden "vervollkomnet": Vom Wiener Aspangbahnhof gelangen die Totgeweihten Richtung Osten, Richtung Vernichtung.

Ab 01.09.1941 wird Wien "arisiert": die jüdische Bevölkerung Wiens muß den Judenstern tragen, darf keine Bahnen benutzen, ihr Vermögen wird eingezogen, Wollsachen, Pelze, Ski-Sachen müssen abgeliefert werden. Der Prater darf nicht besucht werden...

1943: Eichmann schickt Brunner nach Saloniki im besetzten Griechenland zur professionellen Deportation/ Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung. 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung Salonikis werden getötet.
Als Brunner im Mai 1943 Saloniki verläßt hat er 48.974 Jüdinnen und Juden deportiert. Nur wenige junge Frauen und Männer überleben die anschließende Zwangsarbeit. Schwangere, Mütter, Kinder, Alte und Kranke werden sofort ermordet.

Sein nächster Einsatz erfolgt in Paris: Im Juli 1943 wird in Drancy (Vorort von Paris) ein Durchgangs- und Sammellager für die Vernichtung errichtet. 22 Transporte jüdischer Menschen gehen unter Brunners Kommando nach Auschwitz. In einem dreitägigen Verhör nach seiner Ankunft erfährt er die Namen von weiteren Verwandten der Inhaftierten. Er sorgt für die "Verhaftung der ganzen Familien". Er ist der Hauptverantwortliche der SS und organisiert den "Nachschub" für die Vernichtungslager. Brunner leitet die Jagdkommandos, die versteckt lebende Jüdinnen und Juden aufspüren.

Im Herbst 1943 verrichtet er seine Jagd auf Jüdinnen und Juden in Südfrankreich, in Kooperation mit Judengegnern. Pro Juden sind 1000 Franc Belohnung ausgesetzt.
Aktiv ist hier auch Judensachbearbeiter und SS-Obersturmführer Heinz Röttge. Die Verhaftungen finden meistens nachts statt, Folter und Gewalt dienen der Erpressung weiterer Namen.

Obwohl die Wehrmacht bereits auf ihrem Rückzug aus Paris ist, läßt Brunner in der Zeit vom 20.-24.07.1944 noch 1.327 jüdische Kinder in Paris verhaften und deportieren.
Als Brunner Paris im August 1944 verläßt, hat er 23.500 Jüdinnen und Juden jeden Alters aus Frankreich deportiert.

Von September 1944 bis Februar 1945 zerschlägt er die jüdische Untergrundbewegung in der Slowakei und deportiert 12.000 Menschen zur Vernichtung nach Auschwitz.

  Alois Brunner flüchtet von Linz nach München und arbeitet unter falschem Namen als LKW-Fahrer für die US-amerikanische Armee.

Anni Brunner geht nach Wien zurück.
1945 wird Tochter Irene geboren, die stets in Verbindung mit ihrem Vater bleibt und ihn regelmäßig besucht. Derweil bezieht ihre Mutter Anni Röder, verehelichte Brunner, Witwenrente.

Die meisten WienerInnen bleiben in den arisierten Wohnungen, deren jüdische BesitzerInnen ermordet oder ausgewandert sind. Die Hinterlassenschaft der Juden wird unter den einstigen Nachbarn aufgeteilt. Nur ein Bruchteil wird vom Staat einstweilen aufbewahrt.

Wilhelm Höttl, Gestapo- Mann aus Wien, Mitglied im Reichssicherheitshauptamt und Geheimdienstmann Hitlers wird 1945 Kronzeuge der Anklage im Nürnberger Prozeß. Er wurde nie verurteilt und lebt 1998 in Altaussee.

1946 ergeht in Wien ein mager ausgefüllter Steckbrief auf Alois Brunner.

1946 baut Reinhard Gehlen, ein ehemaliges Führungsmitglied des Reichssicherheitshauptamtes, im Auftrag des US- amerikanischen Geheimdienstes den westdeutschen Geheimdienst auf. Gehlen wird später Chef des Bundesnachrichtendienstes und bleibt dies bis 1968. Er ist der prominenteste Fluchthelfer Alois Brunners.

Seit 1947 arbeitet Alois Brunner in der Grube "Karl Funke" in Essen. Als er zum Betriebsrat gewählt werden soll, droht seine Identität aufzufliegen.

05.01.1954 ergeht in Frankreich das Urteil in Abwesenheit: Brunner wird wegen illegaler Verhaftung von Personen, willkürlicher Mißhandlung, Verletzung, Plünderung und Mord zum Tode verurteilt. "Der Präsident der Französischen Republik befiehlt allen Gerichtsangestellten besagtem Urteil zur Vollstreckung zu verhelfen."

1954 lebt Alois Brunner als "Alois Schmaldienst" in Essen und ist sogar polizeilich gemeldet. Ein Verfahren "wegen falscher Namensführung" kommt in Gang.

Alois Brunner hat zwei weitere Fluchthelfer: Dr. Rudolf Vogel, ehemaliges Mitglied der Propagandastaffel in Saloniki und späterer Bundestagsabgeordneter der CDU sowie Dr. Georg Fischer, früherer SS- Kamerad aus Pariser Zeiten. Von ihm bekommt Brunner im Frühling 1954 dessen Paß und gelangt als Dr. Georg Fischer nach Syrien.
Brunner wird dort Geheimdienstexperte für Reinhard Gehlen (Westdt. Geheimdienst) für diese Region des Nahen Ostens.

Anni Brunner prozessiert um Mobilar, daß ihr 1956 seitens des Gerichts zugesprochen wird. Es handelt sich um die von den bei den Judenaktionen erworbenen Sachen.
Eine jüdische Amerikanerin mußte vierzig Jahre prozessieren, um an ein Erinnerungsstück ihrer Eltern zu kommen, daß so lange im Besitz Anni Brunners war.

Alois Brunner arbeitet in Syrien kurze Zeit als Vertreter für die Dortmunder Aktienbrauerei DAB.
1960 kommt es zu einem Verhör Brunners durch die syrische Geheimpolizei. Durch diesen Kontakt wird er eine Art "Berater für Judenfragen" bei einem der syrischen Geheimdienste.

1961 wird auf Alois Brunner ein Anschlag verübt: Er verliert ein Auge.

Am 22.11.1961 ergeht Haftbefehl vom Untersuchungsrichter.

"Judensachbearbeiter" und SS- Obersturmführer Heinz Röttge arbeitet nach dem Krieg als Rechtsanwalt, u.a. für das VW Werk in Wolfsburg.

Im Juli 1980 erhält Alois Brunner/ Georg Fischer in Damaskus/ Syrien Post vom "Verein Freunde der Heilkräuter" aus Österreich: Die Briefbombe zerfetzt ihm vier Finger der linken Hand. Den Anschlägen folgen keine Bekennerschreiben.

1985 gibt Alois Brunner einem deutschen Journalisten ein Interview für die "Bunte" (vom 30.10.1985): "Israel wird mich nie bekommen."
Syrien leugnet den Aufenthalt, deshalb kommt es nicht zu einer Auslieferung.

Auf Grund des Interviews informiert der israelische UNO- Botschafter Benjamin Netanjahu die UN- Vollversammlung , daß Alois Brunner unbehelligt in Syrien lebt.

1992 fordert das BKA von dem Journalisten, der Alois Brunner 1985 interviewte, die Fotos. Eine siebenjährige Studie (!) kommt zu dem Schluß, daß es sich "vermutlich um Aufnahmen von Alois Brunner handelt".
Die Staatsanwaltschaft Frankfurt/M. hat sich bei dem Journalisten nie gemeldet.

Josef Weitzel, der "Bluthund" Brunners bezieht Heimkehrerfürsorge und stirbt unbehelligt Mitte der 90er Jahre in der BRD.

Im Dezember 1997 nennt der Pressesprecher des Bundesnachrichtendienstes (als Antwort auf die Recherchen zum Dokumentarfilm) Alois Brunner einen "mutmaßlichen Nazi- Kriegsverbrecher".

In Frankfurt/M. ist der dritte Staatsanwalt mit der "Akte B." befaßt: Der erste ist verstorben, der zweite ist pensioniert und der dritte steht kurz vor seiner Pensionierung. Erstmals sind 500.000 DM Belohnung ausgesetzt worden von den Staatsanwaltschaften Köln und Frankfurt/M.
Ein Fahndungsplakat gibt es nicht.
  1998 ehem. SS-Geheimdienstoffizier
Wilhelm Höttl: "Die Amerikaner waren da sehr großzügig. Die haben auch Leute, von denen es klar war, daß sie belastet waren, haben die auch noch genommen. Da haben die Amerikaner nichts dran gefunden."
Hauptsache pro- amerikanisch, anti- russisch und anti- kommunistisch.


1998 American University Washington D.C.
Christopher Simpson: "Es sieht so aus, daß Brunner zunächst, wie viele andere Kriegsverbrecher, Unterstützung durch gewisse Kreise der Katholischen Kirche genoß, die darauf spezialisiert waren, politisch verdächtigen Flüchtlingen aus Nazi- Deutschland zu helfen. [...] Seit dieser Zeit ist es ihm gelungen ein beschütztes Leben zu führen: mit Unterstützung der syrischen Regierung, des deutschen Geheimdienstes und des amerikanischen Geheimdienstes."


1998 Der Journalist, der Brunner 1985 interviewte
"Er ist immer noch stolz darauf, daß er, wie er sich wörtlich ausdrückte, ´geholfen hat, dieses Dreckszeug wegzuschaffen.` Damit meinte er die Juden, die er hat deportieren lassen."


1998 Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt/M.
Hans Eberhard Klein auf die Frage, ob er ein Fahndungsplakat veranlassen wird: "Das könnt ich veranlassen. Ja." Interviewer: "Und warum tun Sie es nicht?" "Es ist veranlaßt worden von mir, daß der Referent dieses Verfahrens sich mit den Kollegen in Köln abspricht, um ein Fahndungsplakat zur Auslage zu bringen. Wie weit das gediehen ist, weiß ich nicht."


1998 nach einem Gottesdienst in Rohrbrunn (Alois Brunners Geburtsort)
Eine ältere Kirchgängerin: "Lassen Sie ihn in Ruhe. Auf seine alten Tage braucht Ihr Euch nicht mehr um ihn zu kümmern."


1998 nach einem Gottesdienst in Rohrbrunn
Zwei andere Kirchgängerinnen auf die Frage, ob sie wissen, was über ihn gesagt wird:
A: "Ja, das er die Juden verfolgt hat. Mehr wissen wir auch nicht."
B: "Er soll die rechte Hand Eichmanns gewesen sein..."
Interviewer: "Ist das ein Problem für den Ort oder für Sie?"
B: "Nein, warum?"


1998 im Wirtshaus Rohrbrunn
Interviewer: "Es heißt ja, er soll 120.000 Menschen umgebracht haben. Können Sie sich das vorstellen?"
Gast im Wirtshaus: "Vorstellen, vorstellen. Das sind wieder zwei Sachen."
Interviewer: "Glauben Sie`s?"
Gast: "Glauben tue ich gar nichts. Weil ich es nicht beweisen kann....Was geschehen ist, ist geschehen..."


1998 Verwandter in Rohrbrunn
Interviewer fragt: "Er wird in Deutschland gesucht, weil man sagt, er ist verantwortlich für den Tod von 120.000 Menschen. Können Sie sich das vorstellen?"
Neffe von Alois Brunner: "Gehört hat man das öfter, aber ob es wahr ist, weiß ich nicht. Naja, einen müssen sie halt immer verantwortlich machen dafür."


Hans Eberhard Klein, Oberstaatsanwalt Frankfurt/M. 1998:

"Er ist ja ausgeschrieben im Fahndungsbuch, aber ein Fahndungsbuch hat nicht jeder Bundesbürger in der Tasche. Das ist nur an der Grenze zu finden." und weiter:
"Es kann passieren, daß er harmlos und unerkannt nach Deutschland einreist. Und hier untertaucht. Das kann passieren. Vielleicht ist das schon passiert."



Nachtrag:
- Der Anwalt Serge Klarsfeld erhob in Frankreich Klage wegen nicht geahndeter Taten und erreichte Ende 1999, dass Richter Herve Stephan nach zwölfjährigen Ermittlungen einer entsprechenden Empfehlung der Staatsanwaltschaft zustimmte, die einen erneuten Prozessbeginn anstrebte. Bereits 1954 verurteilten Gerichte in Marseille und Paris Alois Brunner in Abwesenheit zum Tode.
- Im Januar 2000 sprach sich der Jurist und ehemalige Leiter der "Polnischen Hauptkommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen", Witold Kulesza, in einem Gutachten für das polnische Justizministerium für ein Auslieferungsgesuch Polens an Syrien aus.
- Laut gegenteiligen Gerüchten soll Alois Brunner 1996 in der syrischen Hauptstadt Damaskus gestorben und beerdigt sein oder im Luxushotel "Meridien" in Syriens Hauptstadt Damaskus leben.
Ob Bundeskanzler Gerhard Schröder am 30.10.2000 bei seinem Besuch das syrische Staatsoberhaupt in Damaskus auf den Kriegsverbrecher Alois Brunner ansprach, ist der frauennews-Redaktion unbekannt. Die syrische Regierung hatte bislang stets die Anwesenheit Alois Brunners geleugnet und diverse Auslieferungsanträge abgewiesen.
 
"Die Akte Alois Brunner." von Georg M. Hafner und Esther Schapira (Campus-Verlag, 2000, ISBN 3593365693, DM 39,80)
 

© überarbeitet am 13.12.2000, J.A.







Mädchen und Frauen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

 

Gewalt gegen Frauen als Mittel der Kriegsführung

 

Frauen im Nationalsozialismus/ II. Weltkrieg

 

 

 

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