Interviews mit Lesben
II. Frieda "Och, ist ja nett, die trägt mir meine Skier..."




Folgendes Interview wurde mit Frieda (57) im April 1998 geführt:

Wo bist Du aufgewachsen?
Hier in Hamburg. Damals wurden die Mütter, wenn sie schwanger waren, aus den Großstädten zum Entbinden aufs Land gebracht. Geboren bin ich deshalb in Ligau in Sachsen.

In welchem Umfeld bist Du aufgewachsen?
Ich habe die ersten Jahre mit meiner Mutter und meinem Bruder zusammen gelebt. Mein Vater war ganz lange in Gefangenschaft. Den habe ich kennengelernt, als ich fast 9 Jahre alt war. Das war eine Katastrophe, wie auf einmal dieser Mann in die Familie kam. Dann habe ich zwischendurch noch drei Jahre bei meinen Großeltern gelebt. Und dann war nachher irgendwann mein Vater da. Dann bin ich wieder zurückgekommen in mein Elternhaus.

Welches Frauenbild wurde Dir vermittelt?
Mir wurde ein Frauenbild von einer freien Frau vermittelt. Denn es waren ja nicht viele Männer da. Ich kannte eigentlich wenige; meinen Opa. Meine Mutter hat alleine mit uns gelebt. Sie ist arbeiten gegangen und hat alles alleine gemacht. Ich habe da sehr gute Erinnerungen dran. Deswegen war es sehr schlimm für mich, als mein Vater kam, und es sich schlagartig änderte, und er dann auf einmal sagte, was zu machen war.

Ließ Deine Mutter sich das einfach so gefallen und hat das angenommen?
Ja. Das war ganz schlimm, ein Bruch zwischen meiner Mutter und mir, den wir nie aufgearbeitet haben und der bis zu ihrem Tod vorhanden war. Für mich ist das ein Horror gewesen.

War Deine Mutter bis zu dem Zeitpunkt, als Dein Vater nach Hause kam, eine Art Vorbild für Dich?
Ja. Für Kinder ist die Mutter immer ein Vorbild.

Und gab es ansonsten eine Frau, die Du als Vorbild empfindest?
Für mich ist immer Käthe Jakob ein Vorbild gewesen. Das war eine Widerstandskämpferin, die ich persönlich gekannt habe. Die hat im Krieg im KZ gesessen und hat für den Frieden gekämpft und hat kleine Kinder gehabt. Sie hat das überlebt, und die war für mich ein Vorbild, weil ich sie wohl auch kannte. Und weil das eine so tolle Frau war.

Wie ging Deine Entwicklung in der Jugend weiter?
Nachdem mein Vater wiederkam, bin ich nach Hause geholt worden. Da erinnere ich mich an sehr viele Ängste, weil eben dieser Mann da war, der mir alles verboten hat, der streng war. Der machte mir Angst. Ich merkte auch, das meine Mutter Angst hatte. Sie hat das zwar nie gesagt, aber ich habe das gespürt. Mein Vater hat mir immer alles verboten. Ich durfte abends nicht weg, ich bekam wochenlang Stubenarrest. Es war eine ganz schlimme Situation zu Hause. Ich habe denn auch mal Schläge bekommen. Ich habe immer gedacht, irgendwann bringt mein Vater mich um, weil eine solche Atmosphäre geherrscht hat. Wie er mich immer so angesehen hat, und dann bin ich in mein Zimmer und dachte, er würde mir an die Gurgel gehen, wenn er jetzt reinkommt. Dann habe ich eine große Vase hinter meinem Rücken gehalten. Er kam dann rein und ich dachte, wenn er jetzt einen Schritt auf mich zukommt, dann haue ich ihm die Vase auf den Kopf. Ich hatte solche Angst vor meinem Vater. Hat er zum Glück nicht gemacht. Er ist dann wieder rausgegangen. Also, ich hätte das aus Angst getan.

Gab es in Deiner Umgebung Lesben oder Schwule, die Du wahrgenommen hast?
Als ich als kleines Mädchen bei meinen Großeltern gewohnt habe, da war ein Schulkollege von meiner Oma, der dort im Haus lebte. Meine Oma hat mir erzählt, daß der schwul sei. Der lebte schon sein ganzes Leben lang mit seinem Cousin zusammen. Der Cousin wohnte zwar nicht in der Wohnung, er kam immer nur auf Besuch. Die haben das wohl ein bißchen heimlich gemacht, aber im Haus wußten das alle. Und das hat sie so ganz natürlich erzählt, nicht so, als wäre es etwas unnormales. Deswegen war für mich schwul und lesbisch sein etwas ganz natürliches.

Und wie stand es in der Pubertät mit dem ersten Verliebtsein?
Na erstmal natürlich meine beste Freundin, das ist klar. Wir haben zwar auch in einem Bett zusammen geschlafen (ich bin viel bei ihr gewesen, weil ich bei ihr mehr durfte, als bei mir zu Hause), aber es ist nichts weiter gewesen. Da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht, daß da mehr sein könnte. Ich bin damals zur Schule gegangen, da waren Jungen und Mädchen noch getrennt. Die letzten beiden Jahre kamen dann auch Jungen zu uns in die Klasse. Das war sehr unangenehm. Wir haben dann mit denen herumgealbert. Mir war das aber nie so recht. Ich habe das mitgemacht, weil alle Mädchen das machten. Meine Freundin hat sich dann in einen Mann verliebt. Ja, und ich hab einfach alles mitgemacht, aber nie so richtig von Herzen. Nachher habe ich sogar geheiratet, war zwei Jahre verheiratet und bin dann wieder abgehauen bei Nacht und Nebel. Und habe eigentlich immer nicht gewußt, was los ist mit mir.

Das Du anders warst, wurde Dir erst später bewußt?
Sehr viel später. Ich habe es einfach nicht zugelassen. Ich weiß, daß ich später, ich hatte schon drei Kinder, mich immer gewundert habe, wenn ich Zeitungen anguckte, daß ich die Frauen immer toll fand, die Männer hingegen nicht. Männer haben mich nie angezogen. Ich fand die Körper einfach fürchterlich.
Ich bin mal mit meiner Schwägerin spazieren gegangen, da war so ein schönes Fenster mit Blumen, und sie sagte mir, daß dort zwei Frauen zusammen wohnen. Da habe ich ganz kurz gedacht, daß ich das auch will. Dann war es aber auch wieder weg. Ich habe das nie so zugelassen. Das hat ganz, ganz lange gedauert.

Wie alt warst Du etwa, als es Dir klar wurde?
Ich bin mit 39 Jahren mit meiner Tochter zusammen ausgezogen, und habe mit ihr zusammen eine Wohnung genommen. Ich habe dann fünf Jahre allein gelebt und da wurde mir das bewußt: Wenn nochmal eine Beziehung, dann mit einer Frau.

Hast Du Dich dann irgendwann in eine Frau verliebt?
Ich habe dann immer zu Hause gesessen und überlegt, wie ich denn eine Frau kennenlernen sollte. Ich kannte keine Institutionen in Hamburg. Das Frauencafe gab es auch noch nicht. Ich war in der Friedensbewegung. Da sind wir mit 50 Leuten nach Italien gereist. Da waren eben auch viele Frauen bei. Wir haben uns dann zu fünft ein Zimmer geteilt. Und die eine war lesbisch, das wußte ich aber nicht. Die hat sich immer sehr um mich bemüht. Ich habe das zuerst überhaupt nicht gecheckt. Ich dachte "Och, ist ja nett, die trägt mir meine Skier". Und dann ging die Reise zu Ende, und da ich immer noch nicht kapiert hatte, ist sie dann massiver geworden. Dann habe ich das begriffen. Und so habe ich mich dann verliebt. Wir haben dann fünf Jahre in einer Wohnung zusammen gelebt.

Und was war mit Deiner Tochter?
Der habe ich das erzählt. Wir haben uns eine größere Wohnung gesucht, in der meine Freundin zwei Zimmer hatte und von meinen beiden Zimmern hatte eines meine Tochter. Wir haben dann zu dritt zusammen gelebt.

Hast Du es, nachdem Du mit Deiner Freundin zusammen warst, auch noch anderen Leuten erzählt?
Ich war total glücklich und wollte das gerne allen meinen Freundinnen erzählen. Und da hat meine Freundin das gestoppt. Ich hatte das schon einigen vorher erzählt. Sie sagte zu mir, ich solle das nicht gleich jedem erzählen. Da habe ich mich dann erstmal zurückgehalten.

Gab es extrem positive oder negative Reaktionen?
Die negativen habe ich nicht mitbekommen. Ich habe eigentlich überall nur positive Erfahrungen gemacht, als ich es offen gelebt habe und auch darüber geredet habe.

Wie empfandest Du die gesamtgesellschaftliche Situation zu der Zeit?
Da habe ich mir damals keine Gedanken drüber gemacht. Ich bin nicht in die Szene gegangen. Ich war nur mit dieser Frau zusammen und habe so gar nicht mitbekommen, was die anderen machten. Ich war in einer Frauengruppe, in der Heterofrauen waren. Und eine davon hatte sich auch in eine Frau verliebt. Und da haben wir auch offen darüber gesprochen. Aber es kam erst später, daß ich in die Szene reingegangen bin und andere lesbische Frauen kennenglernt habe.

Wie ist Deine berufliche Entwicklung gelaufen?
Nachdem ich aus der Schule gekommen bin, habe ich im Büro gelernt. Dann habe ich mit 19 geheiratet und bin mit 21 Jahren dort wieder weg. Ich war dann wieder ein paar Jahre bei meinen Eltern und habe dann einen Mann kennengelernt, den ich geheiratet habe. Mit dem habe ich drei Kinder. Den habe ich dann nach 16 Jahren verlassen. Und zu dem Zeitpunkt wußte ich nicht, warum ich das gemacht habe. Ich habe nur gedacht, daß ich nicht mehr in einer Wohnung mit ihm sein kann. Ich wußte nicht, daß ich lesbisch war. Ich habe in einer Theraphie herausgefunden, warum ich nicht mit Männern zusammen sein kann. Und das ich lesbisch bin, habe ich selber herausgefunden. Nachdem ich meinen Mann verlassen habe, bin ich in die Altenpflege gegangen. Ich mußte ganz schnell Geld verdienen. Ich wollte alleine leben, eine Wohnung bezahlen können. Ich bin ungelernt in die Altenpflege gegangen und habe das nebenbei dann gelernt. Ich habe dort 16 Jahre lang gearbeitet, bis ich krank wurde und jetzt Rentnerin bin. Jetzt arbeite ich noch ein bißchen in der Hauspflege.

Würdest Du sagen, daß Deine Berufswahl typisch für eine lesbische Frau ist?
Ich weiß nicht, ob das bei mir der Fall ist, aber ich kann beurteilen, wie viele lesbische Frauen bei uns im Betrieb waren. Es war ein sehr großes Heim mit etwa 300 Angestellten. Mit der Zeit habe ich natürlich herausbekommen, daß da auch andere Lesben waren. Auch unsere Ärztin war lesbisch, die tanzte auf einmal auf dem Frauenball neben mir. Ich denke, es ist eher typisch Frau, in einen sozialen Beruf zu gehen, als typisch lesbisch.

Was hat die Frauenbewegung für Dich persönlich bedeutet?
Ich habe immer politisch gearbeitet, schon in jungen Jahren. Ich bin in einer kommunistischen Familie aufgewachsen. Wir hatten auch Kontakt zu Ernst Thälmann, dem Gründer der KPD. Das war ein Freund meines Opas. Ich bin in jungen Jahren in die Partei eingetreten und habe da gearbeitet. Innerhalb der Partei haben wir Frauen uns zusammengetan und einen Frauenarbeitskreis gebildet. Wir haben erkannt, daß wir Frauen unsere ureigensten Sachen selbst in die Hand nehmen müssen. So fortschrittlich, wie die Partei sich auch dargestellt hat, haben sie unsere Sache nicht vertreten, wenn wir das nicht gemacht haben. Und die Frauenbewegung war für mich etwas politisches. Ich habe dort nicht etwa mitgemacht, weil ich lesbisch bin.

Hat sich durch die Frauenbewegung in der Gesellschaft und in der Politik etwas geändert?
Wenn sich etwas ändert, dann nur durch die Frauenbewegung. Denn die Männer verändern nichts.

Hat Dir die Schwulenbewegung persönlich etwas bedeutet? Hast Du etwas davon mitbekommen?
Schwule Männer sind für mich auch Männer. Und ich bevorzuge sie genausowenig wie andere Männer. Ich will mit denen nichts zu tun haben, nur weil sie gleichgeschlechtlich lieben.

Glaubst Du, daß die Energie der Lesben größtenteils in die Frauenbewegung gegangen ist und es deshalb keine Lesbenbewegung gab?
Ich denke, daß Frauen, auch lesbische Frauen, sich immer noch von Männern bevormunden lassen. Ich denke, daß Lesben ihre Energie auch von den Schwulen abzapfen lassen. Ich merke das immer wieder.

Wärst Du lieber vor 20 Jahren, also 1978, geboren worden?
Nein. Diese Zeit, in der ich geboren wurde, hat mich geprägt. Ich bin so geworden, weil ich 1941 geboren worden bin und auch noch so ein bißchen den Krieg mitgemacht habe. Das war alles wichtig für mich. Es war vieles nicht schön, aber es war wichtig.

Würdest Du sagen, daß es junge lesbische Frauen heute leichter haben?
Doch, ich denke schon. Weil es auch von vielen prominenten Frauen, z.B. Filmschauspielerinnen, ganz offen gelebt wird. Als ich in Eurem Alter war, war ich sowieso eine Außenseiterin, weil ich Kommunistin war. Aber kommunistisch und dann noch lesbisch, da wäre ich auch in der Partei eine Außenseiterin gewesen. Und in der Gesellschaft schon sowieso. Ich denke, daß Ihr das schon ein bißchen einfacher habt.

Hast Du Wünsche für die Zukunft?
Auf jeden Fall! Also für mich persönlich möchte ich wieder eine Beziehung haben. Und gesellschaftlich habe ich die Wünsche, daß die Frauen noch mehr Bewußtsein bekommen und ein bißchen matriarchaler denken.

Danke für das Gespräch!


© 1997-1998 Das präsentierte Interview basiert auf der Interviewarbeit zweier Hamburger Abiturientinnnen und wurde von Frieda für FRAUENNEWS freigegeben.






Situation lesbischer Frauen








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