Interviews mit Lesben
I. "Dann ging es bei mir los mit Frauen. Erstmal vom Kopf her..."




Folgendes Interview wurde mit Ursula (49) im April 1998 geführt:


Wie würdest Du Deine Familienverhältnisse beschreiben?
Ich habe drei Geschwister gehabt, einen Bruder und zwei Schwestern. Mein Vater war Bergmann und meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater war schon mal verheiratet und verwitwet. Er brachte meinen Bruder und meine eine Schwester mit in die Ehe. Dann kam meine andere Schwester. Ich war die jüngste.

Nach welchen Prinzipien bist Du erzogen worden?
Mein Bruder war als Junge der Kronprinz. Ich lief eher so mit. Mein Vater hat nie mit mir gespielt. Ich war wohlwollend nichtssagend für ihn. Der Liebling meiner Mutter war meine Schwester, ihr erstes Kind. Sie hatte eigentlich auch nicht so viel mit mir am Hut. Sie war sehr streng, sie hat uns sehr viel geschlagen, obwohl wir nichts angestellt hatten.

Welche Rolle hat Deine Mutter in der Familie gespielt? Hatte sie viel zu sagen oder war das eher der Vater?
Nein, meine Mutter hat bestimmt, obwohl mein Vater gedacht hat, er bestimmt. Sie hat alles bekommen, was sie wollte und es wurde immer alles so gemacht, wie sie es wollte. Sie hat auch das Geld verwaltet.

War die Mutter eine Art Vorbild für Dich, oder waren das eher andere Leute?
Meine Mutter war nicht das Vorbild für mich. Ich hatte zu meiner älteren Halbschwester die beste Beziehung. Sie war eine ganze Ecke älter als ich, 12 Jahre. Ich bin zu ihr gegangen, wenn irgendwas war, und sie hat mir auch immer geholfen. Mit meiner anderen Schwester und mit meinem Bruder habe ich mich nicht so gut verstanden. Meine Mutter war schon deshalb kein Vorbild für mich, weil sie, obwohl sie bestimmt hat, ja doch abhängig war. Ich habe auch gemerkt, daß sie unglücklich war. Sie war mit allen verkracht, mit der ganzen Verwandtschaft, mit der Nachbarschaft.

Wie ging die Entwicklung in deiner Jugend weiter?
Ich wußte nicht so richtig, was ich werden sollte, wollte. Ich war in der Schule sehr gut und wollte gern auf das Gymnasium. Danach schwebte mir studieren vor, am liebsten Lehrerin. Ich habe sehr gerne gelernt. Das mit dem Gymnasium ging aber nicht, weil kein Geld für die Bücher da war. Meine Mutter sagte auch: "Du heiratest ja sowieso." Ich wollte aber weder in die Fabrik, noch Friseurin, noch Verkäuferin werden. Meine Mutter hat mich dann mit 15 in einen Haushalt gesteckt, in eine Familie mit drei Kindern. Da habe ich dann geschuftet.

Wann warst Du das erste Mal verliebt?
Das gab es erst mit 21. Bis dahin war ich in niemanden verliebt. Mir war klar, daß ich beruflich etwas erreichen wollte. Wichtig für mich war, daß ich nicht abhängig werden wollte. Ich habe das bei meiner drei Jahre älteren Schwester gesehen. Sie heiratete früh und kriegte ein Kind. Das war nicht mein Ding.
Ich bin wenig weggegangen, ich durfte das ja auch gar nicht. Nach etwa 9 Monaten entschloß ich mich, nicht mehr in dem Haushalt zu arbeiten. Ich wollte Krankenschwester werden. Das wollte meine Mutter nicht, weil man da sehr lange lernen mußte und es sehr lange dauern würde, bis ich verdiente. Sie hatte mir damals immer mein Geld abgenommen. Die Ausbildung war für mich eine Gelegenheit von zu Hause wegzukommen. Ich habe mich da das erste Mal durchgesetzt, mit 17 ½ das allererste Mal gegen meine Mutter. Ich zog ins Schwesternheim. Das gefiel mir ganz gut. Da bin ich eigentlich das erste Mal richtig abends weg gewesen, mit den anderen zusammen, natürlich heimlich. Aber es ist nichts passiert. Ich habe mich nicht verliebt.

Und was war dann mit 21?
Mit 21 war ich mit der Ausbildung fertig und hatte eine Arbeit als Nachtschwester in einem Altenheim. Da habe ich jemanden kennengelernt, der war Krankenpfleger. Aber ich würde sagen, daß ich nicht richtig verliebt in ihn war. Das war mehr so ein Antesten. Der wollte sich mit mir verloben, aber ich hatte andere Pläne. Ich wollte ins Ausland. Das habe ich dann auch gemacht.

Wohin ins Ausland wolltest Du denn?
Ich wollte nach Australien. Mit 21 war ich volljährig. Ich habe es meiner Mutter erst erzählt, als es sein mußte. Dann bin ich gefahren.

Und was hast du dort gemacht?
Ich bin praktisch ausgewandert. Ich konnte noch nicht einmal englisch. Auf der Überfahrt habe ich mich dann verliebt. Die Überfahrt dauerte 4 ½ Wochen. Ich traf einen netten jungen Mann. Wir sind anschließend bald zusammengezogen und haben nach 1 ½ Jahren geheiratet.

Dann also doch die feste Bindung?
Ja...ja, irgendwie schon. Ich weiß auch nicht, vielleicht mußte das im Ausland sein, da war alles viel freier. Da waren keine Verwandten, die immer alles wissen wollten...

Wenn Du sagst, in Australien sei alles viel freier gewesen, kannst Du das mit den Verhältnissen in Deutschland vergleichen? Wie hast Du damals z.B. die Reaktionen auf Lesben und Schwule in Deiner Umgebung erlebt?
Im Krankenhaus gab es lesbische Frauen, aber das habe ich eher so am Rande mitgekriegt. Zu der Zeit hatte ich damit gar nichts am Hut, muß ich ehrlich sagen. Das interessierte mich nicht.

Ist Dir dann bewußt geworden, daß Du auch irgendwie "anders" bist?
Nein, lange nicht. Ich habe Homosexualität ganz neutral gesehen, für mich war das eben damals noch nichts. Erst ein paar Jahre später kam ich näher mit dem Thema in Kontakt. Da hatte ich einen schwulen Arbeitskollegen, mit dem bin ich öfters ausgegangen und ich lernte dadurch seine Freunde kennen. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits geschieden und schon länger wieder in Deutschland. Nachdem ich aus Australien zurückgekommen bin, wohnte ich in einem Mädchenwohnheim in Stuttgart. Im Wohnheim gab es auch lesbische Frauen. Mit einer habe ich mich etwas angefreundet, aber weiter habe ich mich nicht angesprochen gefühlt.
Ich bin dann von Stuttgart nach Hamburg gezogen. Da war ich schon über 30. Ich lernte einen Mann kennen, wir zogen zusammen und heirateten. Er war ein sehr distanzierter Mensch, richtig cool, ein Kopfmensch und irgendwie lief es nicht so gut mit uns. Irgendwann sprach er kaum noch mit mir. Er hat nur noch gearbeitet. Kinder wollte er auch nicht, er wollte nur eine Eigentumswohnung haben, das war ihm wichtig. Ich hatte damals ein gesundheitliches Problem, das hat ihn überhaupt nicht interessiert. Und da ist mir aufgegangen, dann kann ich auch alleine sein. Ich habe immer gearbeitet. Und schließlich bin ich ausgezogen. Wir hatten zwar noch eine Eheberatung, aber das fand er ganz überflüssig. Da war ich Ende 30.
Nach meinem Auszug habe ich, wie so oft, neu angefangen und fühlte mich eigentlich sehr erleichtert. Ich war glücklich und lebte auf. Arbeitsmäßig legte ich los, weil ich mich jetzt voll darauf konzentrieren konnte. Ich war gewerkschaftsmäßig organisiert und politisch fing es an, mir Spaß zu machen. Ich war Vertrauensfrau für die Gewerkschaft, dann wurde ich Frauenbeauftragte und dann Personalvertreterin. Zwei Jahre hatte ich keinerlei Beziehung. Dann ging es bei mir los mit Frauen. Erstmal vom Kopf her.

Vom Kopf her?
Ich habe bei diesen Arbeiten viele ganz tolle Frauen kennengelernt, die ich auch bewundert habe. Das entwickelte sich einfach so. Erst wußte ich gar nicht, was ich tun sollte. Ich habe gedacht, mein Gott, ich bin schon 39! Ich fing an, in Frauentreffs in meiner Nähe zu gehen. In der EMMA las ich eine Anzeige von einer Frau, die das Gleiche im Kopf hatte wie ich. Wir schrieben uns wochenlang. Irgendwie war das wie im Kino. Man kann sich tatsächlich schriftlich verlieben, das kann ich jetzt wirklich sagen. Wir haben uns dann getroffen und das lief ganz gut. Ich denke, ich hatte in diesen Dingen ziemliches Glück. Wir waren drei Jahre zusammen.

Wem hast Du damals davon erzählt?
Ich machte eine Coming- Out- Gruppe mit, weil das mit den ganzen alten Freundschaften ziemlich schwierig war. Einfach die Frage, wie sagst du denen das? Nach und nach habe ich es allen erzählt, obwohl das bei mir nicht so viele waren. Meine Eltern und meine eine Schwester waren schon tot. Zu meiner älteren Schwester hatte ich damals nicht so viel Kontakt und zu meinem Bruder gar keinen. Deshalb waren mir meine Freundschaften sehr wichtig. Und hier waren die Reaktionen auf mein Coming Out alle sehr positiv. Keine einzige Freundschaft ging deswegen kaputt.

Hattest Du damals eine besondere Vertrauensperson?
Ja, ich hatte eine sehr enge Freundin. Als ich der davon erzählte, sagte sie nur: "Das habe ich mir schon gedacht!". Und so haben eigentlich die meisten reagiert.

Also würdest Du Dein Coming Out für Dich positiv bewerten?
Ja, sehr. Das war sehr wichtig für mich.

Wußten das dann alle?
Auf der Arbeit habe ich es nicht gesagt, aber damals war ich vielleicht einfach noch nicht so weit. Heute würde ich es erzählen, aber das war auch alles noch so neu. Ich habe es erst einmal so für mich gelebt. Die von der Arbeit, mit denen befreundet war, die wußten es natürlich. Da gab es natürlich auch ein paar Frauen, die lesbisch waren. Das witzige war, daß im Personalrat, in dem ich war, von fünf Leuten nur zwei heterosexuell waren. Die Vorsitzende und ich waren lesbisch und einer der Beamten war schwul. Wir hatten sozusagen die Hausmacht!

Meinst Du, daß es "typisch lesbische" Berufe gibt?
Ja, ich denke schon. Ich habe festgestellt, daß in den sozialen Berufen sehr viele Lesben anzutreffen sind.

War die Frauenbewegung für Dich persönlich wichtig?
Ich habe damals die Frauenbewegung überhaupt nicht mitgekriegt. Für mich war sie in dem Sinne nicht so wichtig, da das sowieso in meinem Kopf war, ich brauchte nicht "bewegt" zu werden. Es ist klar, daß Männer sich nicht ändern. Apellieren nützt gar nichts. Ich bin in dem Punkt ziemlich radikal. Es ist einfach so, man muß es ihnen nehmen, die geben das nicht. Die Frauen, die das meinen, die sind realitätsfremd. Man sieht es ja, es geht doch schon wieder zurück. Frauen müßten sich ihrer Stärke sehr viel mehr bewußt werden.

Glaubst Du denn, daß sich insgesamt in der Gesellschaft schon viel verändert hat?
Ganz genauso wie früher ist es nicht mehr, klar, aber es hat sich sehr viel weniger bewegt, als gesagt und geschrieben wird. Wenn ich das mal prozentual sagen sollte: Wenn man 100% Gleichberechtigung fordert, dann haben wir davon vielleicht 20 % erreicht, mehr nicht. Die Frauen haben sich teilweise verändert, gerade auch die jüngeren, aber bei den Männern hat sich nur sehr wenig getan.

Hast Du von der Schwulenbewegung etwas mitbekommen?
Die Schwulen machen für sich sehr viel mehr. Das ist auch typisch, denn es sind Männer, und Männer arbeiten immer für ihre Interessen, ob sie nun schwul sind oder hetero. Davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden. Der Punkt ist der: Solange wir nicht die gleichen Rechte haben, ist es in einigen Bereichen ganz sinnvoll, zusammen zu arbeiten. Aber man darf nie vergessen, daß wir Lesben - anders als Schwule - doppelt diskriminiert werden. Wir werden diskriminiert, weil wir lesbisch sind und weil wir Frauen sind. Schwule werden "nur" aufgrund ihres Schwulseins diskriminiert. Das ist der große Unterschied. Die Schwulen sind im Berufsleben zum Beispiel immer noch Männer und haben die gleichen Chancen wie andere Männer. Wir sind im Berufsleben in erster Linie Frauen, und wenn dann noch lesbisch,....Pech. Die Stufenleiter ist doch: Heteromann, schwuler Mann, Heterafrau, Lesbe. So geht das abwärts. Ein schwuler Mann wird immer noch vor jeder Heterafrau den Posten bekommen. Das darf alles nicht sein! Solange das so ist, sind wir nicht gleichberechtigt. In meinen Augen sind wir überhaupt nicht gleichberechtigt.

Warum gab es Deiner Meinung nach neben der Schwulenbewegung nicht auch eine eigene Lesbenbewegung?
Die Frauenbewegung hat sich damals sozusagen aufsplittern lassen in Heteras, also potentielle Mütter, und die lesbischen Frauen. Das hätten sie nicht zulassen sollen. Die Lesben kämpfen nun also mit ihren Minderwertigkeitsgefühlen, weil sie eben lesbisch sind. Viele gehen auch nicht an die Öffentlichkeit. Die sitzen zu Hause und denken, es wäre alles in Ordnung, weil sie zu Hause ja alles machen können. Lesben haben, wie alle Frauen, nicht genug gelernt, aufzutrumpfen und zu sagen: "Ich bin eine Lesbe, und ich stehe dazu!". Gerade in meinem Alter sind das ganz wenige, die das machen. Ich bin da eher eine Ausnahme. Ich kenne so viele lesbische Frauen in meinem Alter, die sich nicht dazu bekennen und auch politisch nichts unternehmen. Wir müssen sagen: "Seht her, hier sind wir, und wir sind so viele!" Aber ich denke, das geht Hand in Hand. Erst einmal müssen die Frauen lernen, zu sich zu stehen, zu ihrer Stärke. Sie müssen zusammenhalten. Solidarität ist wichtig. Und die wird von Anfang an nur Männern gelehrt. Frauen werden schon als Mädchen zur Konkurrenz erzogen. Deswegen können wir unsere eigentliche Macht nicht ausspielen.

Wärst Du lieber vor 20 Jahren geboren, also 1978?
Nein. Ich habe die interessantesten Jahre erlebt. Die 60er zum Beispiel würde ich für nichts hergeben! Das war eine unaussprechlich tolle Zeit, und ich war jung und dabei.

Deine Wünsche für die Zukunft?
Ich wünsche mir, daß wir Frauen überall hingehen können, wohin wir wollen, ohne das wir Angst haben müssen, ohne daß wir verfolgt oder diskriminiert werden. Den Grad der erreichten Gleichberechtigung kannst du daran messen, wieviel Angst Frauen haben müssen. Ich kenne viele in meinem Alter, die im Dunkeln nicht mehr rausgehen, weil sie bei jedem Schatten überlegen müssen, wer das ist.
Ich bedaure nur, daß ich als Kind nicht die gleichen Möglichkeiten gehabt habe wie Jungs, deshalb wünsche ich mir, daß alle Menschen die gleichen Chancen bekommen. Das niemand etwas lernen muß, was ihm eigentlich widerwärtig ist. Jeder sollte sein Geld so verdienen und sein Leben so führen, wie er möchte, ohne diese starke soziale Kontrolle und ohne dieses ständige "man tut das nicht".. Also mehr Toleranz und mehr gegenseitige Hilfe. Außerdem sollten sich die Leute wieder mehr mit sich beschäftigen, anstatt diese ganzen Ausstiegsmöglichkeiten wie zum Beispiel Drogen zu wählen. Man hat nur ein Leben, und das muß man leben und nicht nur existieren. Man muß versuchen, das Leben wirklich mit Leben zu füllen, so das man nachher sagen kann: "Das war eine schöne Zeit und jetzt war`s das dann auch."

Danke für das Gespräch!



© 1997-1998 Das präsentierte Interview basiert auf der Interviewarbeit zweier Hamburger Schülerinnen und wurde von Ursula für FRAUENNEWS freigegeben.






Situation lesbischer Frauen








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