Unser
Handeln
ist
überfällig!
Solidarität mit den Frauen in Afghanistan heißt...
- als erstes, Öffentlichkeit über das Ausmaß der
dortigen Frauenunterdrückung herzustellen.
- Zusammen mit den hier lebenden afghanischen Frauen muß
unverzüglich eine längst überfällige breite
Solidaritätskampagne begonnen werden.
- Ein Bestandteil der Kampagne sollte die Forderung nach
Einstellung jeglicher finanzieller und politischer
Unterstützung der Taliban und der die Taliban
unterstützenden politischen Kräfte und Staaten durch
die Bundesregierung und die EU sein.
- Alle afghanischen Flüchtlinge müssen sofort
uneingeschränktes Asylrecht erhalten; frauenspezifische
Fluchtgründe müssen anerkannt werden.
- Die Frauenunterdrückung in Afghanistan sollte bei
allen Aktivitäten zum Internationalen Frauentag
(08.03.) zum Thema gemacht werden.
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Der Staat als Frauengefängnis - Frauen
in Afghanistan
Unmittelbar nach
der Regierungsübernahme durch die Taliban, nach deren
Einmarsch in Kabul am 27.9.1996, geriet Afghanistan
kurzfristig ins Blickfeld der internationalen
Öffentlichkeit. Schlagzeilen machte die zum politischen
Programm erhobene Frauenunterdrückung der Taliban.
Die Öffentlichkeit
empörte sich über ihre Maßnahmen, Frauen durch
Ausgehverbot, Arbeitsverbot und Schulverbot aus dem
sozialen Leben auszugrenzen, sie jeglicher Rechte zu
berauben und aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Von
den USA über die EU-Kommission bis zu Außenminister
Kinkel wurden die massiven Menschenrechtsverletzungen
verurteilt. Dabei blieb es auch. Die Hilferufe
afghanischer Frauen werden bis heute ignoriert.
Mit dem Abzug der russischen Armee im Februar 1989 war
Afghanistan für die deutsche Öffentlichkeit
einschließlich eines Großteils der Linken kein Thema
mehr. Die Frage der Frauenrechte hatte bei der
Beurteilung der afghanischen Verhältnisse sowieso nie
eine Rolle gespielt.
Afghanistan, geprägt durch feudale Strukturen,
gehörte und gehört zu den ärmsten Ländern der Welt.
Der Status der Frauen in einer Gesellschaft läßt sich
u.a. an den Kriterien Müttersterblichkeit, Geburtenrate,
Analphabetenrate und Kindersterblichkeit messen. In allen
Punkten hält Afghanistan den negativen Weltrekord. Nicht
zuletzt, um diese Zustände zu verändern, wurde König
Zaher Schah 1974 gestürzt; eine Koalition unter
Beteiligung der Demokratischen Volkspartei Afghanistans
(DVPA) übernahm die Regierung. 1978 ergriff die DVPA
allein die Macht.
Die Frauenpolitik der DVPA
Die Regierung der DVPA betrieb eine
grundlegenden Landreform und ein umfangreiches
Alphabetisierungsprogramm; zu ihren ersten Maßnahmen
gehörte ein Erlaß über die Rechte der Frauen
(17.10.1978). Dieser Erlaß forderte die
"Sicherstellung gleicher Rechte von Frauen und
Männern", auch auf dem Gebiet des bürgerlichen
Rechts, und die "Beseitigung ungerechter,
patriarchalischer, fundamentalistischer Beziehungen
zwischen Mann und Frau". Zwangsehe und der
Frauenhandel wurden verboten. Das Heiratsalter für
Frauen wurde auf 16, für Männer auf 18 Jahre
heraufgesetzt und damit dem durch Eheschließung
abgedeckten sexuellen Mißbrauch von Kindern (Mädchen
wurden teilweise schon mit 10 Jahren verheiratet) ein
Riegel vorgeschoben. Der Gleichheitsgrundsatz wurde in
die neue Verfassung aufgenommen.
Gerade die frauenpolitischen Maßnahmen der
kommunistischen Regierung stießen auf den erbitterten
Widerstand der Islamisten ... Dabei gelang es den
Islamisten, die soziale Frage zurückzudrängen und eine
"Männerallianz" gegen die
"Gottlosen" aus Kabul zu schmieden, die es
wagten, an den starren patriarchalischen Strukturen zu
rütteln.
Den NATO-Staaten, allen voran den USA, ging es zu diesem
Zeitpunkt vor allem darum, die Ausweitung des
Einflußbereichs der Sowjetunion zu verhindern. Deshalb
wurden die Mudschaheddin maßiv militärisch, finanziell
und logistisch unterstützt und in die Lage versetzt, den
begonnenen militärischen Kampf gegen die DVPA-Regierung
ausweiten. In dieser Situation marschierte 1979 die
sowjetische Armee zur Unterstützung der DVPA-Regierung
ein.
Unter Ausgrenzung aller anderen Gesichtspunkte wurde die
Diskussion über Afghanistan nun auf die
Interventionspolitik der Sowjetunion und das
Selbstbestimmungsrecht des Volkes eingeengt. Auch die
Mehrheit der Linken ließ außer Acht, daß das Volk
keine homogene Masse ist, sondern je nach Klasse und
Geschlecht unterschiedliche Interessen hat. Mit seiner
Reduzierung auf das Selbstbestimmungsrecht des Volkes
wurde der Befreiungsbegriff von den realen
Existenzbedingungen, wie dem Recht auf Wohnung und
ausreichende Ernährung, Bildung und medizinische
Versorgung oder dem Recht von Frauen auf
Gleichberechtigung und Teilhabe am gesellschaftlichen
Leben, losgelöst. Die Frage, was ein Sieg der Islamisten
für die Frauen Afghanistans bedeuten würde, wurde nicht
einmal gestellt.
Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen im Februar 1989
konnte sich die Regierung unter Nadjibullah nur noch bis
April 1992 halten. Im April 1992 übernahmen die
Islamisten die Macht.
Damit begann ein neues Kapitel der Frauenunterdrückung
in Afghanistan....
Das Patriarchat schlägt zurück.
Als erstes hoben die Islamisten nach ihrer
Machtübernahme die fortschrittlichen Frauengesetze auf.
Der Gleichheitsgrundsatz wurde gestrichen, ebenso das
Recht auf Bildung und Arbeit für Frauen. Unverzüglich
wurden die Frauen aus dem öffentlichen Dienst entfernt.
Allein in Kabul stellten sie 40 Prozent der
Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Ab sofort durften
sich Frauen auch nur noch mit bedecktem Kopf und weiter
Kleidung in der Öffentlichkeit zeigen. Die
Kleiderordnung wurde ggf. mit Gewalt durchgesetzt. Angriffsziel
der Islamisten waren vor allem berufstätige Frauen und
solche mit höherer Bildung. In der Hauptstadt
Kabul gab es aber auch viele Frauen, die sich politisch
betätigten.
Die DVPA und ihre Frauenorganisation waren für viele ein
Hoffnungsträger im Kampf um die Verbesserung ihrer
politischen und sozialen Lage gewesen. Die Mitglieder der
Frauenorganisation der DVPA wurden nun doppelt verfolgt:
wegen ihrer sozialistischen Grundhaltung, aber besonders
wegen ihres Einsatzes fuer die Emanzipation der Frauen.
Die Verbindung von beidem wurde zu einer tödlichen
Mischung. Tausende von Frauen und Mädchen wurden
getötet, vergewaltigt, und verschleppt.
Eine Fatwah zur Frauenfrage
Ungefähr zwei Jahre nach der Machtübernahme der
Islamisten erließ eine aus neun Personen bestehende
Kommission des Obersten Gerichts eine Fatwah zur
Frauenfrage - das ist ein Verhaltenskodex für
Frauen, der mit Gesetzeskraft ausgestattet ist. Eine
"Fatwah" ist eine verbindliche Antwort auf eine
an das Gremium gestellte Frage zur Auslegung bzw.
Ergänzung des islamischen Rechts (Scharia); sie ist mit
höchster geistiger Autorität versehen.
In dieser Fatwah wird
Bildung und Alphabetisierung von Frauen als
Quelle der Verführung und Verworfenheit
bezeichnet, und festgestellt: für eine Frau
bestehe keine Notwendigkeit, das Haus zum Zweck
des Erwerbs zu verlassen.
Nur unter Einhaltung von 16 Bedingungen - die
sich vor allem auf Kleidung und auf ihr Verhalten
beziehen - darf sie dies überhaupt. Dazu zählt
die Genehmigung ihres Mannes und die Begleitung
eines männlichen Verwandten; sie darf keinen
fremden Menschen anschauen und nur aus zwingenden
Gründen mit ihm sprechen. |
Die Fatwah hat den Anspruch, den Alltag aller
Frauen in Afghanistan zu reglementieren: "Von den
Verantwortlichen in Staat und Regierung wird entschieden
gefordert, daß sämtliche göttlichen Gebote, besonders
das Gebot der Verschleierung der Frau, unverzüglich zu
verwirklichen sind, die Frauen aus den Büros zu
entfernen, und Schulen für Frauen - in Wirklichkeit
Zentren des Ehebruchs und der Prostitution - zu
schließen sind."
(Aus der Fatwah,
abgedruckt in "ai", Afghanistan-Info/
Pressespiegel, Juli 1994 und Oktober 1995.)
Frauen, die sich vermeintlich nicht an die Vorschriften
halten, werden als "vogelfrei" erklärt. Jeder
Gläubige, der meint, eine Frau verstoße z.B. gegen
Kleidervorschriften, hat völlig freie Hand, sie zu
züchtigen bis zum Tod.
Die Taliban erklären den Frauen den Krieg
Unter der Herrschaft der Taliban (seit September
1996) wurde die durch die Fatwah geschaffene quasi
gesetzliche Legitimation zur Frauenunterdrückung weiter
ausgebaut systematisch umgesetzt. Jede Frau wird damit
zum potentiellen Angriffsobjekt der Talibanmilizen.
Erklärtes Ziel der Taliban ist die Errichtung eines
streng islamischen Gottesstaates, in dem das Gesetz der
Scharia gilt und die Lebensführung strikt am Koran
entsprechend der Interpretation der Taliban ausgerichtet
werden muß. Die Scharia wird in vollem Umfang angewandt:
Amputationen, Hinrichtungen und Steinigungen sind an der
Tagesordnung.
Die Entrechtung der Frauen ist zentraler Bestandteil
ihrer Politik. Alle Auffassungen, die Frauen eine Rolle
in Familie, Staat und Gesellschaft zubilligen, werden als
unislamisch verfolgt.
Frauen dürfen nur noch mit einem Ganzkörperschleier,
der Burka, die Straße betreten. Der Willkür sind keine
Grenzen gesetzt. Eine 18jährige, deren Kopfbedeckung
angeblich etwas verrutscht war, wurde von einem
Taliban-Kämpfer in den Fluß gestoßen, in dem sie
ertrank. Einem Mädchen, das mit rotlackierten
Fingernägeln angetroffen wurde, wurde mit
der Axt ein Finger der rechten Hand abgehackt.
Seit neuestem ist Frauen auch die medizinische Versorgung
versagt. Sie dürfen nicht mehr in den allgemeinen
Krankenhäusern behandelt werden. Für Frauen gibt es in
der 1,5-Millionen-Stadt Kabul derzeit nur ein Hospital
mit insgesamt 45 Betten. In der Klinik gibt es kein
fließend Wasser, nur teilweise Strom, kein Labor und
keinen funktionstüchtigen OP- Saal.
Für Frauen ohne Mann - Witwen oder alleinstehende Frauen
- werden die Gebote der Taliban zur tödlichen Gefahr, da
sie jeder Lebensgrundlage beraubt sind: Sie verfügen
über keinerlei Einkommen, keinen Ernährer, und dürfen
das Haus nicht einmal zum Einkaufen verlassen. Vielen
Frauen droht deshalb der Hungertod.
Die Haltung der Taliban zu Frauen war der internationalen
Öffentlichkeit von Anfang an bekannt. Doch wenn
es um Geld geht sind Frauenrechte nur unnützer Ballast -
und es geht um sehr viel Geld...
Das größte Wirtschaftsprojekt aller Zeiten in
Afghanistan ist der geplante Bau einer Erdgasleitung von
Turkmenistan in die pakistanische Hafenstadt Gwadar.
Federführend ist die amerikanische Ölgesellschaft
UNOCAL, die zwei Milliarden Dollar investieren will.
Gebraucht wird dazu eine politische Kraft ohne
antiamerikanische Tendenz, die in der Lage ist, den
Bürgerkrieg zu beenden und eine einheitliche Ordnung in
Afghanistan durchzusetzen. Diese Aufgabe hat man den
Taliban zugedacht. Demokratie, Menschenrechte, soziale
Gerechtigkeit oder gar Frauenrechte sind dabei
augenscheinlich nebensächlich. Die USA
beschränken sich in ihrer Kritik auf den väterlichen
Rat an die Taliban, es mit der Verletzung von
Frauenrechten nicht zu übertreiben.
Geheucheltes Mitleid
Die Bundesregierung findet die Entwicklung
der Lage der Frauen in Afghanistan zwar erschreckend,
verfolgten Frauen wird jedoch jeder asylrechtliche Schutz
verweigert. In Bescheiden des Bundesamtes für die
Anerkennung ausländischer Flüchtlinge sind z. B.
folgende Ausführungen zu lesen: "Die Taliban
haben für ihren Machtbereich die Rückkehr der
muslemischen Kultur und damit eine Abkehr von westlichen
Verhaltensmustern beschlossen. Ein solches Vorgehen kann
naturgemäss nicht ohne Unterdrückung und
Gewaltanwendung gelingen. Daraus jedoch eine Verfolgung
... abzuleiten wäre verfehlt, da all diese Maßnahmen
... die Allgemeinheit betreffen. Mag es auch zu
Härtefaellen kommen, so darf doch nicht übersehen
werden, daß ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung
nach diesen Verhaltensmustern lebt."
Frauen werden zusätzlich belehrt: "Die
Taliban achten darauf, daß Frauen sich gemäß der
Normen der traditionellen islamischen Gesellschaft
verhalten und kleiden und im öffentlichen Leben
äußerste Zurückhaltung üben. Halten sich Frauen an
diese Vorgaben, sind sie jedenfalls keinen Gefahren
ausgesetzt, die über das Maß der Gefährdung
hinausgehen, denen Frauen in Afghanistan allgemein
ausgesetzt sind." Nach dem Motto:
"Andere Länder, andere Sitten" liegt nach
dieser Auffassung des Bundesamtes eine asylrelevante
Verfolgung von Frauen in Afghanistan nicht vor.
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