"Ich will hier sein. Ich will mich einmischen."
Oder: Jüdische Frauen in Deutschland heute




Der "Jüdische Frauenbund" und jüdische Frauenvereine in Deutschland

Der "Jüdische Frauenbund" in der BRD ist die Dachorganisation der bundesweiten jüdischen Frauenvereine. Der "Jüdische Frauenbund" wurde 1904 in Frankfurt am Main gegründet. Gründerin und erste Vorsitzende war Bertha Pappenheim. 1938 wurde der "Jüdische Frauenbund" zwangsaufgelöst. Im Jahre 1953 wurde er neu gegründet. Seit 1954 gehört der Frauenbund dem "International Council of Jewish Women" an.
Innerhalb der jüdischen Frauenvereine in Deutschland treffen sich jüdische Frauen meistens einmal im Monat. Viele Frauenvereine halten untereinander engen Kontakt. Die Frauen besuchen sich gegenseitig und machen gemeinsame Ausflüge. Die Frauenvereine in den kleinen Gemeinden sind dabei oft viel aktiver als in den grösseren Gemeinden. Ein Problem ist allerdings der fehlende weibliche Nachwuchs in den Vereinen. Die Mitgliedschaft und Mitarbeit in einem jüdischen Frauenverein in Deutschland ist nach eigenen Aussagen nicht sehr populär. Das Desinteresse wird teilweise mit der fehlenden Identifizierung mit dem Judentum in Deutschland begründet, aber auch mit dem Engagement der jüngeren Frauen in anderen Organisationen.
Zur Hauptaufgabe vom Frauenbund und von den Frauenvereinen ist die Integration der zugewanderten Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion geworden. Die wenigsten der Zugewanderten haben Kenntnisse vom Judentum. Dementsprechend werden jüdische Religion und Tradition vermittelt. Sofern in den jeweiligen Gemeinden keine Deutschkurse stattfinden, werden auch diese durchgeführt. Ausserdem übernehmen die jüdischen Frauen die soziale Betreuung der Neuzuwanderinnen und -zuwanderer, um ihnen das Einleben hier in Deutschland zu erleichtern.

Kontakt:
Jüdischer Frauenbund in Deutschland
c/o ZWSt
Hebelstr. 6
60318 Frankfurt/M.

  "Ich will hier sein. Ich will mich einmischen."
Oder: Jüdische Frauen in Deutschland heute

Die jüdische Religion wurde bis vor rund 200 Jahren lediglich in Form des orthodoxen (heisst: traditionellen) Judentums praktiziert. Die orthodoxen Jüdinnen und Juden praktizier(t)en eine Geschlechtertrennung in den jeweiligen arbeits- und aufgabenteiligen Lebenswelten. Mit der "jüdischen Aufklärung" vor rund 200 Jahren entstanden unterschiedliche religiöse Strömungen, die bis heute nebeneinander existieren.
In Deutschland hat sich die jüdische Gemeinde in den 90er Jahren zahlenmässig durch die Zuwanderung von Jüdinnen und Juden vergrössert, was einen Aufbau neuer jüdischer Institutionen ermöglichte. Das Lebensgefühl der nach der Shoah (Holocaust) geborenen Jüdinnen und Juden in Deutschland ist von der Vergangenheitsbewältigung und einer ständigen Auseinandersetzung mit der (nicht- jüdischen) Umwelt, mit Antisemitismus und Unsensibilität, aber auch von Lust auf die Weiterentwicklung eines neuen, pluralistischen jüdischen Lebens geprägt und reicht heute von religiös bis säkular, von offenem bis offensivem "jüdisch-sein".


Rabbinnerinnen und Kantorinnen

Ein historisches Ereignis war die weltweit erste Rabbinerinnenkonferenz im Mai 1999 in Berlin:
"Bet Debora". Zu der "Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen, rabbinisch gelehrter und interessierter Jüdinnen und Juden" kamen fast 200 Teilnehmerinnen (und einige Männer) aus 16 Ländern und unterschiedlichen religiösen Richtungen. Die Tagung wurde initiiert von den feministischen Jüdinnen Elisa Klapheck, Lara Dämmig und Rachel Monika Herweg.
Die Frauen widmeten die Konferenz der weltweit ersten Rabbinerin
Regina Jonas, die 1935 zur Rabbinerin ordiniert wurde. Sie wurde wenige Jahre später in Auschwitz ermordet.
Seit 1955 ist im deutschsprachigen Raum lediglich Bea Wyler weibliche Rabbinerin. Sie arbeitet in dieser Funktion in der jüdischen Gemeinde in Oldenburg.
Auf der Konferenz bezeichneten sich einige der anwesenden jüdischen Frauen als Feministinnen, so auch Sybill Sheridan aus London. Das Anliegen feministischer Jüdinnen ist es, die Situation der Frau im Judentum zu beleuchten und ihre Stellung zu stärken. "Wenn Männer sagen: «das dürft Ihr nicht», frage ich: «Wo steht es geschrieben?» so Sybill Sheridan
(zitiert nach Hagalil).


Tradition ist veränderbar!

Feministische Jüdinnen - jüdische Feministinnen wollen den Einfluss von (jüdischen) Frauen sichtbar machen, sich selbst als Frauen "verorten" und ihr eigenes Bewusstsein sich selbst und anderen zugänglich machen.
"Muss etwas bereits (vor-)gelebt worden sein, damit wir es leben dürfen... Nein!" ¹
Jüdische Feministinnen wie Rachel Monika Herweg plädieren dafür, Neues zu wagen:
"Das bedingt, dass wir bereit sind, unseren inneren Stimmen zu vertrauen und uns von unbrauchbaren Teilen unserer Vergangenheit und damit auch von den Formen jüdischen Praktizierens, mit denen wir uns nicht identifizieren können, zu lösen."²

     
    ¹ Rachel Monika Herweg: "Ergreife auch du die Tora! Ein Plädoyer für die Neu-Gestaltung statt Re-Konstruktion jüdischer Frauentradition" in Schlangenbrut. streitschrift für feministisch und religiös interessierte frauen" , Nr. 70 (August 2000), S. 10.
² ebenda.
     
   

© 20. August 2000 J. A.



"Schlangenbrut. streitschrift für feministisch und religiös interessierte frauen"
Nr. 70 (August 2000) mit dem Beitrag von Rachel Monika Herweg: "Ergreife auch du die Tora! Ein Plädoyer für die Neu-Gestaltung statt Re-Konstruktion jüdischer Frauentradition".
"Bet Debora", Journal 1, von Lara Dämmig, Rachel Monika Herweg, Elisa Klapheck, Berlin 2000. Bezugsadresse: Elisa Klapheck, Jüdische Gemeinde zu Berlin, Fasanenstr. 79/80, 10623 Berlin.
"Eva und ihre Schwestern. Perspektiven einer jüdisch- feministischen Theologie" von Pnina Nave Levinson (Gütersloh 1992)
"Zuhause, keine Heimat? Junge Juden und ihre Zukunft in Deutschland" von Micha Brumlik (Bleicher Verlag 1998)
 
Jewish Women
Jewish Feminist Resources
Jewish Women`s Archive
Jüdische Frauen in Berlin
Hagalil Jüdisches europäisches Internet-Magazin
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